ARD-Krimi

Tatort Wiesbaden: Ulrich Tukur steht unter Mordverdacht

Lesedauer: 3 Minuten

Ulrich Tukur spielt im „Tatort“ nicht nur LKA-Mann Murot, sondern auch sich selbst – ein echtes Meisterstück der Fernsehunterhaltung.

Wiesbaden.  Darauf haben die Ermittler auf dem Revier schon lange gewartet: diesen Fernsehschnöseln, die sich am Sonntagabend im Ersten zu „Tatort“-Kommissaren aufschwingen, mal die Meinung zu sagen. „Was lernt ihr Fuzzis eigentlich bei der Recherche für eure Filme?“, poltert einer, und die Herren Tukur, Wuttke und Koch, gerade zum Verhör erschienen, gucken ziemlich dumm aus der Wäsche. Nein, ein „Tatort“ von der Stange ist „Wer bin ich?“ weiß Gott nicht, denn er zieht eine zweite Ebene ein, mit der ein Ideenfeuerwerk gezündet wird, das 90 Minuten lang höchstes Vergnügen bereitet: Die Schauspieler spielen sich selbst, denn sie stecken plötzlich in einem Krimi, den das Leben schreibt.

Der Tukur-„Tatort“ ist eine Nabelschau des Fernsehbetriebs

Ulrich Tukur beginnt als Murot, so wie ihn die Zuschauer des Wiesbadener „Tatorts“ kennen. Doch während der Tote, den er im Parkhaus begutachtet, Augenblicke später kerngesund neben ihm steht, weil die Dreharbeiten sichtbar werden, liegt die, nun ja, echte Leiche eines Produktionsassistenten in einem Kofferraum. Und Ulrich Tukur wird zum Hauptverdächtigen. Er hat einen Filmriss, war in der Nacht zuvor sturzbetrunken und offenbar mit dem jungen Mann im Casino, wo dieser 75.000 Euro gewann. Als das Geld gar in Tukurs Hotelzimmer auftaucht, wird’s brenzlig für den Schauspieler. Nun muss er als Amateur auch noch selber ermitteln.

Bastian Günther, der hier sein eigenes Drehbuch verfilmt, nutzt das zu einer hinreißenden Nabelschau des Fernsehbetriebs und dessen Eitelkeiten, die keinen Augenblick langweilt. Der arme Tukur versinkt in Verzweiflung, die Kollegen, die er bei den parallel laufenden Dreharbeiten zum Frankfurter „Tatort“ um Hilfe bittet, erweisen sich als Egomanen. Ein darstellerisches Fest für die Akteure, deren Spiellaune jederzeit greifbar ist.

Nichts für Freunde des Standard-„Tatorts“

Wolfram Koch, der Frankfurter Kommissar Brix, interessiert sich allenfalls für die Waffen, mit denen er in der nächsten Folge herumballern darf, den hübschen Zimmerservice und die zweitklassigen Witzchen, mit denen er seine „Tatort“-Partnerin Margarita Broich nervt. Und Martin Wuttke, der eine Nebenrolle ergattert hat, jammert, dass er als Kommissar Keppler kein Geld mehr verdient, weil der Leipziger „Tatort“ eingestellt wurde: Er bettelt Tukur um Geld an.

Derweil planen der mitleidlose Drehbuchautor (Justus von Dohnanyi) und der zuständige Redakteur (Michael Rotschopf) schon fleißig ohne Tukur und debattieren über Nachfolger wie Matthias Schweighöfer oder Heino Ferch. Und natürlich darf der naheliegendste Gag nicht fehlen: Weder Tukur noch Koch gucken „Tatort“. Bastian Günther dreht das doppelbödige Spiel mit einer irren Volte schlussendlich völlig ins Absurde: ein mutiger Coup, zu dem man dem Hessischen Rundfunk nur gratulieren kann. Der hatte mit dem letzten Murot „Im Schmerz geboren“ bereits ein Ausrufezeichen gesetzt. Kein Zufall also.

Fazit: Nichts für Freunde des Standard-„Tatorts“. Ansonsten: ein Meisterstück gehobener deutscher Fernsehunterhaltung und ein Riesenvergnügen. Bravo!

ARD, Sonntag, 27. Dezember, um 20:15 Uhr