ARD-Doku

„Blick in den Abgrund“: Dem Bösen auf der Spur

Foto: SWR / SWR/Belle Epoque Film

Die ARD-Doku „Blick in den Abgrund“ zeigt eindrucksvoll die Arbeit von Profilern. Wie sie und auch die Täter mit dem Bösen umgehen.

Am Anfang sind Ruhe und Frieden. Ein Paar beim Angeln an einem See, irgendwo in Finnland. Der Himmel spannt sich weit in seinem blassen Blau, das sich auf der Oberfläche des Sees schimmernd spiegelt. Nur die Worte, die gesprochen werden, sie wollen nicht so recht passen zu dieser friedvollen Stimmung. Von Leichen ist die Rede, die wegen der Gasbildung in ihren Körpern aus dem Wasser nach oben steigen.

Die Frau, die da spricht, ist Profilerin bei der Polizei in Helsinki, Helina Hakkanen-Nyholm. „Freude und Glück hat man bei dieser Arbeit selten“, sagt sie später. Profiler beginnen ihre Arbeit, wenn die Tatortreiniger Feierabend gemacht haben. „Blick in den Abgrund – Profiler im Angesicht des Bösen“ heißt die Dokumentation von Barbara Eder, die am Dienstag im Ersten zu sehen ist. Was im Titel reißerisch klingen mag, hat sich nach den knapp 90 Minuten Film mehr als bewahrheitet. Da ist der Fall der Finnin, die es mit einer Toten, um deren Augen 20 Messerstiche gezählt wurden, zu tun hat, von eher harmloser Natur.

Nichts für wacklige Charaktere

Profiler sind Menschen, die Täterprofile erstellen, die Tathergänge rekonstruieren, sich in die seelische Struktur des Bösen hineindenken. Der Film macht neben Finnland auch Station in den USA, in Südafrika und in Deutschland. Er lässt seine Protagonisten erzählen, Profiler, Psychiater, auch Täter. Wie gehen sie mit ihrem Job um, wie mit ihren Taten? „Du kannst so was nur durchhalten, wenn du der richtige Typ dafür bist“, sagt ein südafrikanischer Profiler. Er hat es mit dem Mord an mehreren Kindern zu tun hat. Nichts für wacklige Charaktere.

„Blick in den Abgrund“ ist ein dramaturgisch gut durchdachter Episodenfilm (Anfang 2014 war er bereits in einigen deutschen Kinos zu sehen). Er fügt Schlaglichter aus dem Leben der Profiler zu einem Mosaik. Und gewährt dabei auch private Einblicke. Etwa wenn die Söhne einer forensischen Psychiaterin aus Chicago ihre Mutter live in einer CNN-Nachrichtensendung sehen und überlegen, ob sie sie nicht gerade jetzt mal auf dem Handy anrufen sollten.

Oder wenn zwei pensionierte US-Profiler auf einer Couch sitzend den Thriller „Das Schweigen der Lämmer“ im Fernsehen schauen und mit höchster Bewunderung über das von Anthony Hopkins genial verkörperte Killergenie Hannibal Lector sprechen. Buchautor Thomas Harris hatten die beiden einst für die Romanvorlage interviewt. Jetzt betreiben sie eine Firma, die sich um alte, nicht aufgeklärte Fälle kümmert.

„Menschen wissen nicht, wozu sie fähig sind“

Auch Stephan Harbort, Kriminalkommissar, Profiler, Experte für Serienmörder und Buchautor, kommt nicht los von einem alten Fall. Warum, fragt er sich, ließ ein mittlerweile inhaftierter Serienmörder sein letztes Opfer vor vielen Jahren am Leben? Er findet keine Lösung.

„Die meisten Menschen wissen doch gar nicht, wozu sie fähig sind“, sagt der Täter, ein mehrfacher Mörder. Bis fünf Minuten, so sagt er, bevor er einen Menschen mit einem Hammer erschlug, konnte er sich nicht vorstellen, so etwas zu tun. Und, fragt ihn Profiler Harbort: „Wenn Sie in diesen Abgrund hineinschauen, was sehen Sie da?“ „Nichts“, lautet die Antwort. Es ist die vielleicht am tiefsten berührende und unheimlichste Stelle dieser eindringlichen Dokumentation.

Auch Helen Morrison, die forensische Psychiaterin aus Chicago, sucht nach dem, was die Menschen zu Serienmördern macht. Eine schwere Kindheit, so mutmaßt sie aus ihren Erfahrungen heraus, haben diese Menschen nicht gehabt, auch sexuellen Misshandlungen seien sie in der Regel nicht ausgesetzt gewesen. Eigentlich seien sie so wie du und ich. Darin liegt der Schrecken. „Die Lösung“, sagt Morrison, „muss im Gehirn liegen.“ Weshalb sie diesen Tätern Elektroden implantieren möchte, um die Gehirnströme messen zu können, die sie, wie sie hofft, auf die Spur eines „Killergens“ führen können. Die Ärzte aber weigern sich; nicht einmal, wie sie frustriert konstatiert, „mein eigener Mann würde es machen“. Er ist Neuropathologe.

Warum sich immer wieder dem Schrecken aussetzen?

Wenn sie 16 Stunden lang mit Mördern zusammen war, dann kann Helen Morrison nicht gleich nach Hause zu ihrer Familie fahren, sie braucht Abstand. Den findet sie in einem Motel, in einem schlichten, unpersönlichen Zimmer, das sie zuerst einmal danach absucht, ob es wirklich leer ist, ob wirklich niemand da ist. Ob das Böse draußen geblieben ist. Denn sie muss ihre Gedanken los werden.

Was nicht gelingt, was nicht gelingen kann. „Du gehst nach Hause. Es lässt dich nicht los. Du bist nie allein“, heißt es in dem Film.

Warum das alles? Warum sich immer wieder dem Schrecken, dem wirklich Bösen aussetzen, warum in menschliche Abgründe schauen? „Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht“, lässt Georg Büchner seinen Woyzeck sagen. Die Antwort ist einfach, da sind sich alle Protagonisten des Films einig: verhindern, dass so etwas noch einmal passiert. Zugleich wissen sie, dass es nicht wirklich zu verhindern ist.

„Was machen Sie beruflich? Sind Sie so eine Jodie Foster wie in ‚Das Schweigen der Lämmer’“, fragt der Taxifahrer die finnische Profilerin. „Nein“, antwortet Hakkanen-Nyholm, „das ist nur ein Film.“ Das Leben, soll das wohl heißen, ist härter.

„Blick in den Abgrund – Profiler im Angesicht des Bösen“, Di, 22.45 Uhr, ARD