„Notruf Hafenkante”

Polizeiarbeit im Fernsehen: Dichtung und Wahrheit

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Abendblatt-Polizeireporter Jan-Eric Lindner über die neue Staffel der Serie. Wie realistisch ist die Arbeit der Ordnungshüter dargestellt?

Hamburg. Polizisten, die Verkehrsunfälle mit Matchbox-Autos nachstellen, ein Kommissariats-Chef, der mit Sätzen aus der Frühzeit der Krimi-Unterhaltung brilliert ("Irgendetwas stimmt nicht. Bloß was?") und ein Löschboot, das bei normaler Fahrt im Hafen Wasser aus allen Fontänen schießt: Wenn man will, kann man an der Doppelfolge "Karambolage", mit der das ZDF heute die siebte Staffel "Notruf Hafenkante" einläutet, jede Menge Blödsinn bekritteln. Aber will man das? Es handelt sich schließlich nicht um einen verfilmten Einsatzbericht realer Ordnungshüter. Man will es nicht, und dennoch lohnt ein kurzer Abgleich von Vorabendvergnügen und Einsatzrealität zum Auftakt einer Serie, die versucht, "ganz nah dran" zu sein - und deren großes Ziel es ist, in jeder Kameraeinstellung deutlich zu machen, dass Hamburg an der Elbe liegt.

Sechs Autos krachen zu Beginn der Serienfolge mit dem Titel "Karambolage" ineinander. Aus dem zunächst scheinbar zufälligen Aufeinandertreffen entwickelt sich eine verwegen anmutende Story um verschwundene Babys, familiäre Verstrickungen, Mutter-Sohn-Beziehungen und Grauen Star. Am Ende aber geht es, dieser Eindruck drängt sich spätestens nach 30 Filmminuten auf, doch immer nur darum, möglichst viele Möwen, Frachter, Schlepper und ab und zu einen Luden im Ledermantel zu zeigen. Inmitten dieser Postkarten-Atmosphäre ermittelt das Team des "PK 21" an der Kehrwiederspitze nun also die wahren Hintergründe des Unfalls. Würden "echte" Hamburger Beamte dies so tun wie Kommissar Mattes Seeler (eine Art aseptischer Jan Fedder, gespielt von Matthias Schloo) und seine Kolleginnen, sie fänden sich verdammt schnell im Vorzimmer eines verstimmten Präsidenten wieder. Die Hafenkanten-Cops befragen Unfallopfer, obwohl sie quasi noch im Wrack klemmen oder während ihnen im nahen "Elbkrankenhaus" Glassplitter aus der Armbeuge operiert werden. Nein, niemandem würde man wünschen, so etwas im wahren Leben zu erleben.

Den Autoren mangelt es zum Glück nicht an Sachkenntnis. Beleg dafür, dass die Serienmacher sich fleißig bei der auch in diesen Dingen stets hilfsbereiten Hamburger Polizei schlau gemacht haben ist die Funksprache, die immer wieder als folkloristisches Element eingespielt wird. Da hagelt es Abkürzungen wie im wahren Polizistenleben: PKL steht für "Person klemmt", "EP warm" für eine "Essensportion warm", die aufgenommen wird, wenn Polizisten sich eine heiße Mahlzeit gönnen. Man möchte Wetten darauf abschließen, dass in einer der nächsten Folgen auch das schönste aller Polizeikürzel Verwendung finden wird, nämlich das lautmalerische "Hilope", was für eine "hilflose Person" steht.

Amüsant für jene, die sich im Hamburger Polizeiapparat ein wenig auskennen: leise Anspielungen auf umstrittene Themen. In "Karambolage" bekommt zum Beispiel die umstrittene Reiterstaffel ihr Fett weg: Einem Beamten jener Einheit geht in der "Hafenkante" ein Krimineller durch die Lappen, weil er nicht schnell genug vom Pferd kommt. An anderer Stelle lassen die Autoren geradezu aberwitzige Fantasien vom Zügel: Die für den eigentlichen Handlungsstrang gänzlich unwichtige Geschichte einer Domina, die kurz zum Einkaufen fährt, während in ihrem privaten SM-Studio ein kunstvoll geknebelter Geschäftsmann in Seilen hängt, die sich dann beim Autounfall den Kiefer und beide Handgelenke bricht und folglich nicht mitteilen kann, was sich gerade in ihrer Wohnung abspielt, ja, diese Geschichte ist eigentlich zu schön, um nur Randaspekt einer Vorabendserie zu sein.

"Notruf Hafenkante" Do, 20.9., 19.25, ZDF