TV-Show "Gottschalk live"

Thommy tut sich schwer mit Dadaismus à la "Dirty Harry"

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Karolin Jacquemain

Thomas Gottschalk ist mit seiner neuen Vorabend-Show im freien Quoten-Fall. Niemand weiß, wer die Zielgruppe sein soll.

Hamburg. Am Mittwoch spielte Thomas Gottschalk zu Beginn seiner Sendung mit schiefen Holzklötzchen eine Art Waldorf-Lego. Wenn der Kollege Harald Schmidt aus Streichhölzern und Kastanien sogenannte Diktatorenmännchen zusammensteckt, ist das ziemlich komisch, schmidtscher Dadaismus eben. Gottschalks Bastelaktion hingegen hinterließ beim Zuschauer ein großes Fragezeichen: Was tut der Mann, der die spontane Unterhaltung, die Improvisation so gut beherrscht wie kein anderer in der deutschen Fernsehbranche, Günther Jauch mal ausgenommen, was tut der Mann da bloß ?

Für den Misserfolg von "Gottschalk live" ist weniger die mangelnde Qualität der Sendung verantwortlich - dieses Kriterium hat das Publikum noch nie vom Einschalten abgehalten. Sondern die Tatsache, dass auch nach zwei Wochen nicht klar ist, an wen sich die Show richtet. Nur noch 1,6 Millionen Menschen schalteten am 1. Februar ein, am Tag zuvor waren es sogar nur 1,4 Millionen. Der Marktanteil dümpelt bei fünf Prozent vor sich hin - Senderschnitt im vergangenen Jahr in der Zeit zwischen 18 und 20 Uhr waren 8,4 Prozent.

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Wer also ist die Zielgruppe? Das "Wetten dass ..?"-Publikum, wird man bei der ARD gehofft haben, die rund zehn Millionen, die Gottschalk jahrzehntelang im ZDF die Treue gehalten haben. Die aber wollen samstäglichen Familien-Pomp, keine Late Night in der Light-Version am Vorabend. Die Jungen? Schalten trotz Facebook-Versteigerungen und Live-Twitter nicht ein. Rund 240 000 sind sowohl für Gottschalks Verhältnisse als auch für die der ARD nicht mehr als ein schlechter Witz. Und nicht zuletzt halten sich jene Menschen, die in der Zeit um 19.20 Uhr Hintergrundberieselungsfernsehen gucken, während die Spülmaschine läuft, vermutlich lieber ans "Perfekte Dinner" des Privatsenders "Vox". Dort ist wenigstens drin, was außen draufsteht.

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Fahrrad fahrende Nonnen bei "Um Himmels Willen", eine Leiche in den ersten drei Minuten beim "Tatort", Chefhostess Beatrice von Ledebur auf dem "Traumschiff" - der Zuschauer weiß gern, was er vorgesetzt bekommt. Bei "Gottschalk live" ist er auf verlorenem Posten: Ist das jetzt boulevardesk oder eine Überhöhung des Boulevards? Und geht's nach der Werbung mit dem Interview weiter, oder kommen die Strömungswinde auf der Wetterkarte? Etwas von allem mag als Suppengericht ein Knaller sein, eine Sowohl-als-auch-TV-Show ist es eher nicht.

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"Wir senden so lange, bis es euch gefällt", hat einst der frühere RTL-Boss Helmut Thoma als Parole ausgegeben - und in der Tat braucht das Publikum Zeit, bis es einen neuen Sendeplatz verinnerlicht hat. Pilcher-Filme, die aussehen, als hätte eine Postkarte laufen gelernt, das ist am Sonntagabend gesetzt. Aufgemucke bei Frank Plasbergs "Hart aber fair" am Montag, dem Tag, an dem man ohnehin ein bisschen krawallig gestimmt ist - passt perfekt. Bleibt also abzuwarten, ob Thomas Gottschalk die mit dem Sender verabredeten 144 Sendungen durchziehen wird trotz desaströser Quote und Helmut Thoma am Ende ein weiteres Mal recht behält. Momentan allerdings steht "Gottschalk live" ähnlich wackelig da wie ein windschiefer Holzklötzchenturm.