Konzert

Marteria und Casper – zwei Mikros für ein Halleluja

Auf der Trabrennbahn Bahrenfeld spielen die Hip-Hopper ihr Album "1982" vor 17.500 Fans. Bald brennt die Luft – im wahrsten Sinne.

Hamburg. „Wo wollen die denn alle hin?“, fragt ein freundlicher Herr mit Nickelbrille und Schlapphut. Die Stresemannstraße wird am Freitagabend Richtung Westen zum Pilgerpfad gen Hip-Hop. Ziel von 17.500 Menschen: Trabrennbahn Bahrenfeld.

Seit Wochen ausverkauft. Marteria und Casper haben sich angekündigt. Jeder für sich bereits ein Star des deutschsprachigen Rap. Gemeinsam feiern sie in diesem Sommer ihr Kollaborationsalbum „1982“ – und bei einigen wenigen Konzerten den gepflegten Abriss der jeweiligen Spielstätte. Zwei Mikros für ein Halleluja.

Marteria und Casper – schon bald brennt die Luft

Zunächst klingt die Trabrennbahn jedoch nicht nach brutzelnden Beats, sondern nach prasselndem Regen und raschelnden Ponchos. „Kill the rain, not the fun“ steht auf einem der Capes. Gesagt, getan. In Hamburg City können ein paar dicke Wolken die Hip-Hop-Herzen nicht verdunkeln.

„Alles zieht vorbei“, singt Fatoni dann auch als passendes Mantra. Der sympathisch-smarte Münchner Rapper spielt mit viel Augenzwinkern die Rolle des Vorprogramms und fragt wiederholt „Habt Ihr Bock auf Marteria und Casper?“, bis sich Kreischalarm einstellt. Die Luft ist nun wieder weitestgehend trocken. Bald wird sie brennen.

Die beiden Hauptfiguren starten ihr Set konsequenter Weise mit „1982 (Als ob's gestern war)“, dem Signatursong ihrer Freundschaft – und ihrer Herkunft. Beide 1982 geboren. Marten Laciny in Rostock. „Bin Hansa-Kind, komm schon, wer will heute noch verlieren?“, rappt er unter dem Jubel der Menge. „Beckhausstraße, Bielefeld, Industriegebiet / Gegenüber der Miele-Fabrik“, lässt Benjamin Griffey alias Casper seine Vita Revue passieren.

Herkunft egal – Hip-Hop ist die Heimat

Zwei deutsche Geschichten. Herkunft egal. Hip-Hop ist die Heimat. „Ma“ und „Cas“ sind Brüder im Beat. Optisch wirken sie fast wie Zwillinge in schwarzen Jeans und Sportjacken, mit weißen Caps und weißen Turnschuhen.

Von Sekunde eins ist die Energie voll da: Die beiden springen zum satten Sound ihrer Live-Band, als sei die Bühne ein einziges Trampolin. Sie tigern und taumeln, klatschen sich beiläufig ab und umarmen sich. Marterias tiefer Bass und Caspers reibeisenraues Timbre verschrenken sich, um immer wieder alleine auszubrechen.

Das Publikum ein einziges Wogen und Hüpfen zum ultimativen Kumpelsong „Champion Sound“. Funkenfontänen schießen in den Hip-Hop-Himmel. „Hamburg, können wir das Ding hier bitte komplett abreißen?“, fragt Casper. Und um diesen Plan direkt amtlich umzusetzen, folgt der hochtourige Hit „Adrenalin“. Warum warten mit dem Ausnahmezustand.

Casper und Marteria feuern diverse Solosongs ab

Da ein gemeinsames Album keinen Abend trägt, feuern beide Künstler jeweils diverse Solosongs ab. Marteria euphorisiert unter anderem mit Übersongs wie „Endboss“ und „Kids (2 Finger an den Kopf)“. Casper entfesselt eine dunkler schattierte Dynamik mit „Auf und davon“ und „Im Ascheregen“.

Und das abgehangene „Chardonnay & Purple Haze“ gerät dann wieder zum alle vereinenden Sangesfest zwischen Casper, Marteria und den Fans oder – wie die zwei betonen – zwischen den Hansestädten Lemgo, Rostock und Hamburg. Darauf ein „Shalalalala“.

Videoprojektion von Bergen, Sternen und Pferden verleihen der Show zusätzlich Dynamik, ebenso eine Schräge auf der Bühne, die Marteria und Casper hoch- und hinabsprinten. Einmal Hip-Hop-Gipfel und zurück.

Marteria und Casper von Hamburger Combos beeinflusst

Deutschrap ist das hiesige musikalische Sprachrohr dieser Tage. Wie sehr Casper und Marteria mit Sprechgesang sozialisiert sind, wie heftig sie ihre Rap-Familie feiern und wie innig sie ihre alten Ikonen verehren, zeigt sich im Laufe des gut anderthalbstündigen Abends zunehmend.

In einer emotionalen Ansprache erzählen die zwei, wie sie von Hamburger Combos beeinflusst wurden und wie sie zu Hip-Hop-Jams in die Hansestadt gereist sind. „Danke“ rufen sie in die Nacht hinaus.

Kurz verschwinden die beiden, um auf einem massiven Pick-Up-Truck am Rande der Menge wieder aufzutauchen. Von der Ladefläche aus präsentieren sie – passend – Haftbefehls „Ich rolle mit meim Besten“. Im Mix mit Bilderbuchs „Maschin“ und Deichkinds „So 'ne Musik“ gerät die Nummer zur ultimativen Community-Party.

„Nur glücklich, wenn Bässe mich drücken“

Was Marteria und Casper mit 16 neben Hip-Hop musikalisch so absorbiert haben, zeigt sich mit dem Cover des Keyboard-Rock-Ohrwurms „Narcotic“ von Liquido. Ach, warum nicht. Eine perfekte Überleitung jedenfalls zur gewittrigen Nummer „Vorstadthölle“, bevor dann mit „Sirenen“, „Absturz“ und „OMG!“ das große Finale losbricht.

Am Ende beglückwünschen sich Marteria und Casper mit „Gratulation“ selbst dazu, dass sie trotz der Mahnungen ihrer Lehrer den Beruf des Rappers ergriffen haben. „Nur glücklich, wenn Bässe mich drücken“ heißt es da. Frei nach Fünf Sterne deluxe lässt sich aus Hamburg nur antworten: Bass massiert, krass serviert. Danke.