Konzertkritik

Max Herre im Stadtpark – lässig zwischen Hamburg und Athen

Schlafanzug, Tropenanzug? Max Herre live und leger im Hamburger Stadtpark

Schlafanzug, Tropenanzug? Max Herre live und leger im Hamburger Stadtpark

Foto: Mirko Hannemann / action press

In seinem Open-Air-Konzert beweist Max Herre, wie gelungen er Poesie und Politik miteinander in Einklang bringt.

Hamburg.. Athen – für die einen ein großstädtischer Moloch, für die anderen die Wiege der abendländischen Kunst und der Demokratie. Für Max Herre ist die griechische Hauptstadt der Teil seiner Biografie. Dort hat sein Vater gelebt, in den 80er-Jahren hat Herre als Kind sehr viel Zeit in Griechenland verbracht. Mit dem Song „Athen“ beginnt er sein Konzert im Hamburger Stadtpark und führt seine Fans mitten hinein in sein neues Album, das am 20. August erscheinen wird. Es heißt wie der Opener.

„Athen“ ist ein Liebeslied und eine sanft gerappte Ballade, zu der im Hintergrund der Bühne ein Video läuft, das Herre mit einer Frau auf Weg in die Stadt mit der Akropolis zeigt. Athen wird zum Sehnsuchtsort und zum Exil, zu einer Möglichkeit, Berlin zu verlassen, doch der Trip endet mit einer Enttäuschung.

Im Publikum können viele den Refrain schon mitsingen, das Stück ist als Single vorab veröffentlicht worden. Ungewöhnlich für Herre ist der Mittelteil der Nummer, in der er einen Ausflug in den Psychedelic Rock unternimmt und Pink Floyds „Shine On You Crazy Diamant“ zitiert. Auch dieser Exkurs hat mit seinen Kindheitserinnerungen zu tun. So wie Pink Floyd 1971 ein berühmtes Konzert im Amphitheater von Pompeji gegeben hat, blickt Herre zurück auf Besuche in Epidauros, dem größten antiken Amphitheater auf der Peloponnes. Auch davon zeigt er im Konzert Aufnahmen, die wiederum Reverenz an Pink Floyds Konzertfilm sind.

Max Herre kann Liebeslieder ohne Kitsch und Klischee

Sieben Jahre lang hat der Hip-Hop- und Soul-Künstler kein neues Album mehr herausgebracht – eine Ewigkeit in diesen schnelllebigen Zeiten. Man kann förmlich spüren, wie glücklich Herre ist, endlich wieder mit aktuellem Material aufzutreten. In einem hellgrünen Schlabberlook-Anzug steht er auf der Bühne und wird nicht müde zu betonen, wie gern er in Hamburg auftritt. Was von den Fans, in der Mehrzahl aus der Generation Ü30, mit Beifall quittiert wird.

Acht neue Songs hat Max Herre im Programm. Überwiegend sind es romantische Songs wie „Villa auf der Klippe“ oder „Siebzehn“. Herre gehört zu den wenigen Textern in Deutschland, die Liebeslieder schreiben können, ohne ins Klischee oder in den Kitsch abzurutschen. Musikalisch sind seine Stücke schon immer ausgeklügelt gewesen, eine fünfköpfige Band und die stimmgewaltige Sängerin Rachel unterstützen den Bandleader, der sich selbst auch ans Klavier setzt und bei einigen Nummern Gitarre spielt.

Berühmt geworden ist Max Herre als kreativer Kopf des Stuttgarter Hip-Hop-Kollektivs Freundeskreis. 1997 landete die Band mit dem Album „Die Quadratur des Kreises“ ihren ersten Hit. Mit „A.N.N.A.“ und „Wenn der Vorhang fällt“ hat Herre zwei dieser frühen Stücke ins Programm genommen. Sobald die Fans die Songs erkennen, brandet spontaner Beifall auf, die Texte sind immer noch gegenwärtig und werden komplett mitgesungen.

Afrob und Megaloh sind dabei, Ehefrau Joy Denalane fehlt

Zu den Mitgliedern der FK Allstars, wie sich Freundeskreis später nannte, gehörte auch der Rapper Afrob. Er ist mit Herre nach Hamburg gekommen und unterstützt ihn bei Klassikern wie „Rap ist“ und „Tabula Rasa“. Hip-Hop, Rap und Reggae sind für Herre noch immer wichtige stilistische Elemente seiner Musik. Mit Megaloh ist ein zweiter Rapper bei einigen Songs dabei. Der Hip-Hopper arbeitet seit 2011 immer wieder mit Herre und dessen Frau Joy Denalane zusammen. Auch sie ist oft Teil der Shows ihres Mannes, doch am Tag des Stadtpark-Konzerts steht sie selbst auf der Bühne, in Flensburg, mit ihrer Band beim Schleswig-Holstein Musik Festival.

Zusammen mit Afrob und Megaloh singt und rappt Max Herre den Track „Dunkles Kapitel“. Darin geht es um Rassismus und die Erinnerung an die europäische Kolonialgeschichte. Die nächste Nummer – „Sans Papier“, also: „ohne Papiere“ – beschäftigt sich mit den aktuellen Problemen von Migration. „Nenn mich Sans Papier, ich habe keinen Namen“, singt Herre und gibt damit den vielen Flüchtenden, die ohne Ausweisdokumente nach Europa kommen und immer wieder als Menschen unterster Klasse behandelt werden, eine Stimme. Herre hat schon immer zu den Künstlern gehört, die sich politisch äußern und Haltung zeigen. „Dunkles Kapitel“ und „Sans Papier“ sind zwei gelungene Beispiele, wie er Poesie und Politik miteinander in Einklang bringt.

Das Publikum im nicht ganz ausverkauften Stadtpark ist begeistert vom Auftritt des sympathischen und zugewandten Künstlers. Herre schafft eine spannende Dramaturgie zwischen intimen, nachdenklichen Kompositionen und schnellem, hartem Rap. Freundeskreis-Stücke wie „Esperanto“, „Halt Dich an deiner Liebe Fest“ und „Mit Dir“ sind mit ihrem lässigen Groove immer Garanten für eine äußerst entspannte Stimmung. Freuen dürfen sich Freunde intelligenter Popmusik auch auf Herres neues Album: Das Konzert hat einen überzeugenden Vorgeschmack auf „Athen“ geliefert.