Hamburger Modefotograf

Wie F. C. Gundlachs Erbe bewahrt wird

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„Slow“: Das schwedische Model Karin Mossberg, 1966 fotografiert von F. C. Gundlach.

„Slow“: Das schwedische Model Karin Mossberg, 1966 fotografiert von F. C. Gundlach.

Foto: F.C .Gundlach Stiftung / F.C. Gundlach Stiftung

Vor einem Jahr starb der Fotograf im Alter von 95 Jahren – in aktuellen Ausstellungen ist Franz Christian Gundlach präsenter denn je.

Hamburg. Im Phoxxi, dem temporären Haus der Photographie, ist ein F. C. Gundlach zu erleben, der ganz in seinem Element ist: Man sieht ihn auf der legendären „Paris Photo“, die einen wichtigen Platz in seinem Terminkalender hatte. Er besuchte die Messe für internationale Fotokunst im Grand Palais, um sich mit Kolleginnen und Kollegen auszutauschen, künstlerische Strömungen zu erspüren, junge Talente zu entdecken, kurz: um in seiner Leidenschaft für Fotografie zu schwelgen.

Franz Christian Gundlach, Hamburgs berühmter Modefotograf, Gründungsdirektor des Hauses der Photographie und passionierter Sammler, starb genau vor einem Jahr, am 23. Juli 2021, im Alter von 95 Jahren in der Elbschlossresidenz. Dort, wo er die letzten Jahre gelebt und sogar noch eine Ausstellung eröffnet hatte. Die Triennale der Photographie, die bis Mitte September läuft und in deren Rahmen auch die Bilder der „Paris Photo“ zu sehen sind, ist ebenfalls ein Verdienst des Foto-Pioniers.

Ausstellung „Behind the Scenes“ über F. C. Gundlach

Die parallel bis Mitte August laufende Ausstellung „Behind the Scenes“ zeigt darüber hinaus, wie die rund 9000 Werke fassende Sammlung F. C. Gundlach (unter dem Thema „Das Bild des Menschen in der Photographie“, Dauerleihgabe an das Haus der Photographie) wegen Sanierungsarbeiten in ein Depot am Brooktorkai umziehen musste.

Dass der Fotograf in „seiner“ Stadt und in Museen und Galerien weltweit präsent ist, ist Sabine Schnakenberg, Kuratorin im Haus der Photographie, und der Stiftung Gundlach zu verdanken. Diese wurde am 8. März 2000 von Gundlach selbst ins Leben gerufen, um sein Erbe zu verwalten, darunter ein Haus in der Parkallee, eine Wohnung in Berlin, seine Bibliothek, seine Sammlung (die mit Werken von Yva, Richard Avedon, Lilian Bassmann, David LaChapelle, Cindy Sherman und Wolfgang Tillmanns zu den bedeutendsten privaten Fotografiesammlungen Deutschlands zählt) und sein fotografisches Werk, das aus etwa einer Million Negativen und 25.000 Vintage-Abzügen besteht – schließlich hatte Gundlach von 1949 bis 1989 quasi durchgehend fotografiert.

F. C. Gundlach: Fotograf und Unternehmer

Die Abzüge sind allesamt signiert; der Self­mademan war nicht nur Künstler, sondern dachte auch stets unternehmerisch. „Die Resonanz auf F. C. Gundlachs Ableben war enorm.“, sagt Stiftungs-Geschäftsführer Sebastian Lux. „Es gab zahlreiche Anfragen von Ausstellungshäusern, die seine Bilder zeigen wollten.“ Das ist insofern bemerkenswert, weil die Bilder zu seinen Hochzeiten ausschließlich in Magazinen abgedruckt wurden.

Erst nachdem Gundlach sich als aktiver Fotograf zurückgezogen hatte, entstanden über die Jahre kleine, feine oder auch große, spektakuläre Ausstellungen. Sie haben dazu beigetragen, dass sein Werk inzwischen international bekannt ist. Die Popularität des Hamburgers erklärt Lux mit der dekorativen, erstmals das Exotische der großen weiten Welt transportierenden Modefotografie, für die Gundlachs Arbeit steht. Durch ihn sei die Fotografie zeitgenössisch geworden.

Gundlach im Stadtmuseum Schleswig: Das süße Nichtstun

„Für mich habe ich entschieden, meine Sammlung in eine Stiftung einzubringen, sodass sie in meinem Sinne weitergeführt werden wird. Sie also als lebendiger Organismus erhalten bleibt und auf gesellschaftliche Veränderungen, Trends und Eventualitäten reagieren kann“, hat Gundlach einmal sein Anliegen beschrieben.

Gut nachzuvollziehen etwa in der bis 14. August im Stadtmuseum Schleswig laufenden Ausstellung „A Day Off“, die Gundlach-Bilder mit anderen Werken kombiniert: Scheinbar triviale Aufnahmen – von Mayonnaise-triefenden Pommes bis zu posierenden Jugendlichen auf einem Sprungturm im Freibad – entwerfen in der Summe einen amüsierten Blick auf unser Freizeitverhalten, von dem wir uns aber durch die Pandemie weit entfernt haben. Insofern versteht sich die Ausstellung auch als Plädoyer fürs süße Nichtstun, sind die so banal anmutenden Plätze auf einmal Sehnsuchtsorte des unkomplizierten Zusammenseins.

Künstlerische Paarung in Galerie Schimming

Die Fotografie als Kunstform zu fördern und Gundlachs fotografisches Werk der Öffentlichkeit zu präsentieren sind die klar definierten Zwecke der Stiftung, die ihren Sitz in Bahrenfeld hat. Sie arbeitet mit jungen Fotografen zusammen, bringt deren Arbeiten an die Wände und ist mit Archiven und Verlagen in Kontakt – es werden auch Fotobücher herausgegeben.

Zurzeit ist in der Galerie Schimming eine besondere künstlerische Paarung zu erleben: Dort treffen Modefotografien von F. C. Gundlach auf die Werke des in Leipzig lebenden Fotografen Edgar Leciejewski, geeint durch das übergreifende Motto des Fliegens. Gundlachs legendäre Flugzeug-Szenen mit dynamisch auftretenden Modellen („Jet Age“, „Deborah auf der Düse“) oder auch eine scheinbar schwerelose Karin Mossberg („Slow“) sind zu sehen.

Leciejewski von Gundlach gefödert

Das berühmte „Sputnik Girl“ im komplett weißen Space-Age-Look findet sein Pendant in schneeweißen, überdimensionalen Taubenfedern („Schwarzenberg“) bei Leciejewski. Auffallend bei dem Künstler ist das Ei-Motiv, wobei jedes einzelne in seiner Farbigkeit und Struktur anders aussieht. „Der Fotograf will damit die Einzigartigkeit und Besonderheit jedes Lebewesens thematisieren“, sagt Galeristin Sibylle Herfurth.

Edgar Leciejewski, Jahrgang 1977, arbeitete während seiner Ausbildung in Gundlachs Archiv, so wurde dieser auf ihn aufmerksam. Er förderte den jungen Kollegen, gab wichtige Impulse für dessen Arbeit und kaufte Bilder von ihm an. Seine Art des „Zeichnens mit Licht“, so die Bedeutung des griechischen Wortes Fotografie, bildet die Basis für Leciejewskis Art zu arbeiten: Wie glaubwürdig sind Bilder im digitalen Zeitalter, was kann Fotografie heute (noch) leisten?

Das bewusste Zeigen von Belichtungsstreifen am Bildrand einer ansonsten perfekt inszenierten weißen Feder etwa soll auf diese Thematik hinweisen, den Arbeitsprozess des Künstlers und den Zeitverlauf sichtbar machen.

Vor diesem Hintergrund ist die Begegnung mit den Fotografien Gundlachs heute so besonders spannend, steht der Künstler doch für eine Epoche, in der man Bildern noch überwiegend vertraute. Fotografie als kulturelle Währung – auch hierin präsentiert sich F. C. Gundlach posthum noch als absolut zeitgemäßer Künstler „seiner“ Photo-Triennale.

Triennale der Photographie bis 18.9. in Hamburg, Infos: phototriennale.de Edgar Leciejewski & F. C. Gundlach: „Paloma“ bis 13.8., Galerie Schimming, Jungfrauenthal 4, Infos: galerieschimming.de F. C. Gundlach: „A Day Off“ bis 14.8., Stadtmuseum Schleswig, Infos: stadtmuseum-schleswig.de

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