Hamburger Ballett-Tage

15 Minuten Applaus für die Uraufführung von Turangalîla

Die Inszenierung des Messiaen-Stücks ist ein künstlerisches Großereignis - das mal an Wagner, mal an Gershwin erinnert.

Hamburg.  Die kreisrunde, illuminierte Bühne leuchtet wie eine glutrote Sonne, eine Signalfarbe, die mit den farbenfrohen Kostümen der Tänzerinnen aufs Schönste harmoniert. Können Gefühle mitreißender, überwältigender sein? Die beiden Paare Mayo Arii und Alexandr Trusch sowie Florencia Chinellato und Edvin Revazov tanzen sämtliche Spielarten der Liebe durch, grazil und innerlich die einen, expressiv die anderen. Alle heißblütig, einander umfassend, sich hingebend, sich tragend, drehend und wieder loslassend, während auch die Musik von Olivier Messiaen wie in Wirbeln braust und zischt.

Ein furioser Reigen aus Gefühl und Bewegung ist den Machern hier gelungen. Ein abstraktes Tableau mit einem fantastischen, allzeit präsenten Christopher Evans als Solotänzer. Die Uraufführung von „Turangalîla“ ist ein künstlerisches Großereignis, musikalisch wie tänzerisch, ein famoser Auftakt der 42. Hamburger Ballett-Tage und eine erste Verbindung zweier großer Künstlerpersönlichkeiten: John Neumeier, Chef des Hamburg Balletts, und Kent Nagano, Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper. Letzterem ist das Zustandekommen dieses Ereignisses überhaupt zu verdanken. Bislang hatten sich die Erben des Komponisten einer Tanzproduktion verweigert, nachdem 1968 Roland Petit in Paris einen Streit um das Libretto vom Zaun gebrochen hatte. Nagano jedoch verfügt über einen exzellenten Draht zur Familie, so kam diese Ballett-Uraufführung zustande.

Die Meisterschaft aller Beteiligten fügt sich hier aufs Allerbeste. Der Architekt Heinrich Tröger hat das Bühnenrund entworfen und das Philharmonische Staatsorchester, das für die ­„Turangalîla“-Symphonie besonders umfangreich sein muss, aus dem Graben in den Bühnenhintergrund geholt. Eine Balustrade mit Balkon schafft eine zweite Ebene, die traumartig Szenen spiegelt.

Musik durchbricht Bühnen-Minimalismus

Herausragend sind auch die Kostüme, die diesmal nicht Neumeier selbst, sondern Albert Kriemler, Designer beim Schweizer Modelabel Akris, entworfen hat. Wunderschöne, schlichte Kleider in leuchtendem Rosa, Orange oder Weiß, die die Körper der Tänzerinnen sanft umspielen, dazu orientalisch angehauchte Hosen für die mit bloßem Oberkörper auftretenden Tänzer. Der asiatisch anmutende Minimalismus in Bühne und Kostüm wird eindrucksvoll kontrastiert von der Bewegung der Symphonie, die sich in zehn aufwühlende Zyklen aufteilt. Gemäß der Bedeutung des aus dem Sanskrit stammenden Wortes Turangalîla, das Begriffe wie Bewegung und Liebe assoziiert. Letztlich geht es um die universellen Fragen des Lebens, um große Gefühle und verrinnende Zeit. Um ein Auflehnen gegen Endlichkeit, auch gegen ein Vergehen des Begehrens. Die Compagnie des Hamburg Balletts tanzt wie in einem einzigen Überwältigungsreigen eindrucksvoll dagegen an.

In Gruppenszenen türmen sich die Tänzer, unter ihnen Konstantin Tselikov und Aleix Martínez, zur Pyramide auf, als wollten sie das Himmelszelt greifen. Kraftvoll, mit ausladenden Armen und wackelndem Kopf. Das Bewegungsrepertoire des Balletts mit klassischen Sprüngen und Hebefiguren ergänzt Neumeier von Anfang an mit fließenden Figuren aus dem zeitgenössischen Tanz, mit Drehungen, flinken Wendungen, auch mal eckigen Formen.

Erinnerung an Hollywod und Gershwin

Die Gedanken Messiaens an Wagners „Tristan und Isolde“ sind den von Nagano und den Musikern akkurat präsentierten Klängen anzuhören, vor allem in den dramatischen Szenen mit viel Blechdonner, Pianorhythmik und Gongklängen. Es gibt aber auch die anderen Momente, die zuckrigen Flöten, und schwebenden Streicher, die wahlweise an die glamouröse Hollywood-Ära oder auch an das klassische Gershwin-Musical erinnern. Man kann das auch Kitsch nennen, doch in diesem abstrakt-formalen Set kreiert es pure Schönheit und Eleganz. Vor allem die Paare liefern berührende Szenen ab, da zeigt sich Neumeiers hohe Qualität in den Pas de Deux. Das erfahrene Paar Carsten Jung und Hélène Bouchet, sie ganz in Rot, er mit weißer Hose, symbolisiert die reife Liebe. Über mehrere Liebesgesänge schraubt sie sich bis zur höchsten vorstellbaren Steigerung.

Die Solisten werden von weiteren Paaren flankiert, bei denen die Tanzenden einander wie Skulpturen über die Bühne tragen. Hier finden auch Christopher Evans und Mayo Arii kurzzeitig zusammen. Momente, in denen Dritte in einer Liebe auftauchen, werden genauso sichtbar, wie jene des Abschieds, bei denen ein Paar regungslos am Boden liegt. Christopher Evans tanzt sich als Identifikationsfigur ins Zentrum.

Mit der bejubelten Uraufführung von „Turangalîla“ wagt sich John Neumeier mit Gewinn in abenteuerliche Gefilde der Abstraktion jenseits des Handlungsballettes vor. Fast eine volle Viertelstunde lang applaudierte das Publikum hingerissen den Protagonisten und Schöpfern dieses erinnerungswürdigen Abends. Schöner kann man das Leben und die Liebe nicht feiern.

„Turangalîla“ 5., 8.7., 20., 22., 29.10., jew. 19.30, Hamburgische Staatsoper, Dammtorstr. 28, Karten 5,- bis 98,- unter T. 35 68 68