Neumeier-Ballett: Der junge Edvin Revazov glänzt als Parzival

"Ich wollte nie im Bolschoi tanzen"

Für die Bühnenkarriere hat Edvin Revazov seine russische Heimat verlassen. In Hamburg fühlt er sich künstlerisch zu Hause.

Hamburg. Ein ganzes Leben durchtanzt Edvin Revazov in drei Stunden. Der gerade mal 23 Lenze zählende blonde Hüne im Hamburg Ballett hat in der Titelrolle von John Neumeiers Ballett "Parzival - Episoden und Echo" seine bisher anspruchsvollste Aufgabe zu bewältigen: Er muss die Wandlung vom ungestümen, unwissenden Kind über den Ritter Schlagetot bis zum reifen, geläuterten Mann glaubhaft gestalten, muss auch den tänzerischen Kraftakt meistern - und hat beides überzeugend getan. Der Solopart wurde zum Triumph für den Gruppentänzer. Aber wie gelingt es Choreograf John Neumeier und Edvin Revazov, die Geschichte und die Stadien der Charakterentwicklung von Parzival ohne Worte den Zuschauern plausibel zu vermitteln?

Im "Laufstall" aus Schilfrohren von der ängstlichen Mutter Herzeloyde vorsorglich eingesperrt, erleben wir den unbedarften Buben Parzival mit seinem Teddy in der ersten Szene. Vor Neugier berstend, doch ziellos in der Richtung versucht sein Körper, einem gefangenen Tier gleich, aus dem Käfig von Mamas Obhut auszubrechen. "Er kennt nur die Mutter und den Teddy", erklärt Revazov. "Mit ihm spricht, spielt, streitet und tanzt Parzival."

Und wie tanzt er? Revazovs Gliedmaßen streben unkoordiniert in verschiedene Richtungen. Verspielt folgt er jedem Reiz. Drehungen und Sprünge des Naturkinds im Kleidchen über dem Strickanzug ergeben sich aus dem Lauf, dem Schwung und der Schwerkraft. Arme und Beine reagieren "natürlich", im Gegensatz zu klassischem Tanz ungeführt, direkt, ungebändigt und voller Energie. Das prägnante Bild und die Bewegungsführung wirken sehr eindeutig auf den Betrachter, vermitteln ihm die Gefühlslage der Figur.

"Sie fordert mir viel Kraft ab ", bekennt der einen Meter neunzig große Tänzer. Macht ihm seine Länge zu schaffen? Revazov versteht erst gar nicht, lacht dann und meint: "Früher war ich doch schwächer, jetzt habe ich viel mehr Kraft." John Neumeier entdeckte den im wahrsten Sinn herausragenden Tänzer beim Prix de Lausanne 2001, holte ihn für zwei Jahre an seine Schule im Ballettzentrum und übernahm ihn 2003 in die Compagnie, um ihn gleich mit der Rolle des Tadzio in "Tod in Venedig" zu betrauen. Typisch für Neumeiers Ensemble-Verständnis: Nicht die Compagnie-Hierarchie diktiert die Rollen-Besetzung, sondern es sind einzig die Erfordernisse einer Figur, wie er sie als Choreograf sieht und dem Tänzer zutraut. Am Bolschoi-Ballett ein Sakrileg, so gut wie unmöglich auch im Royal Ballet oder an der Pariser Oper.

Revazov wusste von Anfang an: "Ich wollte nie im Kirov oder Bolschoi tanzen. Ich glaube nicht ans klassische russische Ballett. Es ist für mich nicht real. Neumeiers Stücke haben mit der Wirklichkeit zu tun." Der jüngste von fünf Söhnen eines Juristen in Sebastopol fing dreieinhalbjährig mit Volkstanz an. "Als ich 14 war, bin ich nach Moskau an eine Privatschule gegangen." Eigentlich interessierte er sich nicht für Ballett. Aber auch drei seiner älteren Brüder sind Tänzer geworden. Eine Mischung aus Sport und Tanz prägte seinen robusten Tadzio. Trotzdem fiel ihm die Figur nicht zu: "Ich musste lernen, genau zu trennen zwischen seiner wirklichen Welt und Tadzio als Projektionsfigur in der Fantasie von Aschenbach."

Zurück zum Parzival: "Neumeier war sehr klar in der Vorgabe von Bewegungen", betont Revazov, der mit den Kollegen Alexander Riabko und Ivan Urban die Rolle erarbeitete. "Wir drei improvisierten mit dem Material, dann hat Neumeier von jedem genommen, was ihm gefiel und was sich für uns alle eignete." Über die Bewegungen findet Revazov in der Probenarbeit zum Charakter der Figur, quasi von außen nach innen. "Man kann dieselbe Bewegung aggressiv, gefühlvoll, romantisch, hart oder weich ausführen. Mir gibt das die Basis, um so gut wie alles zu machen und die richtige herauszufinden für die jeweilige Situation der Figur." Aber er sucht trotz seiner Jugend auch nach eigenen Fantasien oder Erlebnissen.

Immerhin hat Revazov wie Parzival die Heimat verlassen, sich von den Eltern getrennt. "Nach Hamburg zu gehen war eine Entscheidung, die ich wollte. Im ersten Jahr war es einfach, es war alles neu. Doch im zweiten fühlte ich, wie allein ich bin. Ich musste Freunde finden und mein Leben neu aufzubauen beginnen."

Am Artushof übernimmt Parzival von Gurnemanz den Bewegungscode der Ritter. Der Lehrer ist eigentlich ein Choreograf, der den Schüler ins richtige Vokabular einweiht, wobei Parzival manchmal aus der Balance kippt. Es ist eine periphere, zielgerichtete und kraftvolle Bewegungsfolge, die Assoziationen an Reiter, Helm und Waffen weckt. Auch das ein Merkmal von Neumeiers Kreationen: In literarischen Geschichten nach einer choreografischen Entsprechung oder Übersetzung zu suchen und so mit den Tänzern Interpretation, Stationen und Entwicklungsphasen einer Figur in Bewegung und Bilderkomposition dem Publikum anbieten zu können. Denn nach dem Wunsch John Neumeiers können und sollen die Zuschauer jedes seiner Ballette mit eigenen Augen sehen, erleben und begreifen können.

  • "Parzival - Episoden und Echo" 4., 6., 10.1., 19.30 Uhr, Staatsoper, Dammtorstraße, Kartentelefon: 35 68 68.