Harbour Front Festival

„Poetry For Future“ gibt Klimapoeten eine Bühne

| Lesedauer: 4 Minuten
Anna-Lena Kaufmann
Der vielfach ausgezeichnete Poetry-Slammer Samuel Kramer führte durch den Abend (Archivbild).

Der vielfach ausgezeichnete Poetry-Slammer Samuel Kramer führte durch den Abend (Archivbild).

Foto: IMAGO / Marc Schüler

Das Format will der Klimakrise etwas entgegensetzen. Im Uebel & Gefährlich traten die Künstler David Friedrich und Samuel Kramer auf.

Hamburg.  „Was sind das für Zeiten, wo/ Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist“ – Brechts Verse „An die Nachgeborenen“ wurden wohl selten radikaler umgedeutet als bei der Veranstaltung „Poetry For Future“ im Rahmen des Harbour Front Festivals. Denn das vereint alle Künstlerinnen und Künstler am Montagabend auf der Bühne des Uebel & Gefährlich: die Überzeugung, man müsse ausdrücklich politisch über Bäume reden und mit ihnen über die große Klimakatas­trophe, auf die wir zusteuern.

Die Kunst, um die es an diesem Abend geht, ist in einer Anthologie mit 45 Texten gesammelt. Zum titelgebenden „Poetry For Future“ hat Samuel Kramer drei seiner Mitautoren und -autorinnen eingeladen: Gemeinsam mit Cecily Ogunjobi, Temye Tesfu und David Friedrich steht er auf der Bühne und präsentiert verschiedene literarische Perspektiven auf Nachhaltigkeit, Klimakrise, Artensterben und das Damoklesschwert einer ungewissen Zukunft.

Samuel Kramer moderiert den Abend mit Leichtigkeit

Samuel Kramer – ganz leger in Jogginghose und gerade zurück von drei Tagen Klimacamp in Berlin, um „jungen Menschen dabei zu helfen, sich auf den Boden zu kleben“ – ist der Herausgeber des Bandes, erfolgreicher „Klimapoet“, Aktivist und vielfach ausgezeichneter Poetry-Slammer. Man müsse sich nichts vormachen, befindet er: „Es reicht nicht aus, dass wir jetzt Gedichte mit dem Wort Klima lesen“.

In seinen Texten, so berichtet Kramer, rücken sein Denken und Handeln aufeinander zu und verschränken sich. Mit großer Leichtigkeit und Schlagfertigkeit moderiert er den Abend und performt auch einen eigenen Gedichtzyklus – in Anlehnung an Bertolt Brechts „Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus“. Kramers Texte sind anspruchsvoll und vielschichtig und sprechen ganz deutlich vom Wegsehen, Verdrängen, Nicht-wahrhaben-Wollen, von „zerstörbaren Welten, die verloren gehen jeden Tag“. Er malt mit wenigen Wendungen Bilder und Gleichnisse und verwebt viele Ebenen in einem großen Sprachkunststück.

Cecily Ogunjobi beinahe schüchtern am Mikrofon

Vier weitere Künstler und Künstlerinnen kommen auf die Bühne im Uebel & Gefährlich“. Eine von ihnen ist Cecily Ogunjobi, eine talentierte junge Geschichtenerzählerin, die beinahe schüchtern am Mikrofon steht. Parabelhaft verdichtet sie ihr Anliegen in Miniaturen, die enträtselt werden müssen.

Ogunjobis Texte klingen wie Prosa, sind aber so konzen­triert, dass sie in die Lyrik übergehen. Sie ist ganz groß im Umgang mit der kleinen Form. Ihr Spiel mit den Worten ist souverän: „Wer sich vertritt, startet eine Bewegung“, heißt es da etwa. Wenn sie von „Zyklogenese“, „Schwarzen Rauchern“ auf dem Meeresboden und „Zeta-Potenzential“ schreibt, gelingt es ihr, naturwissenschaftliche Phänomene zu erläutern und gleichzeitig literarische Geschichten zu formen.

Auch die ganz privaten Umweltsünden sind ein Thema

Temye Tesfu, der „Nazis kompostieren“ fordert und philosophisch um die Frage „Was bin ich?“ kreist, ist ebenfalls erlebenswert. Bei ihm verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart zu einem humorvollen Blick auf die ganz praktischen Probleme des Alltags. Nicht nur inhaltlich, auch mit seiner Rhythmik und Melodie des Gedichtvortrags überzeugt er das Publikum.

Und dann ist da noch das Duo des Abends: Autor David Friedrich und Sänger/Gitarrist Faby. Zwischen gerappten Parts und Hip-Hop-Sounds reflektiert Friedrich in seinen Texten selbstkritisch die Umweltsünden, die wir trotz besseren Wissens begehen: die volle Badewanne (kurz duschen ginge ja auch), der aus Bequemlichkeit gefahrene E-Scooter (obwohl sich die Strecke problemlos gehen ließe), die Bestellung bei Amazon (und was ist mit dem Buchladen um die Ecke?) – „Ich bin der schlimmste Mensch der Welt“. Vom eigenen Konsumverhalten bis zur kulturellen Aneignung verarbeitet Friedrich durchaus auch selbstironisch die Erkenntnis, dass wir uns ein „Nach mir die Sintflut“ längst nicht mehr leisten können.

Der Appell, sich zusammenzutun und konkret zu handeln, hallt nach.

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