Filmkritik

"Pieces of a Woman": Ein Höllenritt der Gefühle

Sean (Shia LeBeouf) hilft  Martha (Vanessa Kirby) bei der Hausgeburt, die einen tragischen Verlauf nimmt.  

Sean (Shia LeBeouf) hilft  Martha (Vanessa Kirby) bei der Hausgeburt, die einen tragischen Verlauf nimmt.  

Foto: Benjamin Loeb / Netflix / Netflix

Der Film „Pieces of a Woman“ erzählt vom schrecklichen Verlust eines jungen Paares – und lebt vom intensiven Spiel von Vanessa Kirby.

Es ist wohl die längste Geburtsszene der Filmgeschichte, und sicherlich eine der schmerzvollsten. Ganze 23 Minuten lang wird in „Pieces of a Woman“ in einer einzigen, langen Plansequenz ohne jeden Schnitt gezeigt, wie ein Paar in Boston ein Baby bekommt.

23 Minuten, in denen die Schauspielerin Vanessa Kirby als werdende Mutter Martha von Schmerz, Vorfreude, Angst und Unsicherheit die ganze Klaviatur menschlicher Empfindungen zeigt, was einen Parforceritt zu nennen eine Untertreibung wäre. 23 Minuten, in denen ihr Mann Sean (Shia LaBeouf) ihr so liebevoll wie hilflos beisteht.

Eine Hausgeburt, bei der nichts nach Wunsch läuft

Eine Hausgeburt, wie sie sich gewünscht haben, bei der aber nichts nach Wunsch verläuft. Ihre Hebamme ist nicht abkömmlich, ihre Vertretung wirkt nervös, als es zu Komplikationen kommt. Viel zu spät wird der Notarzt gerufen. Am Ende hält die erschöpfte Mutter ihr Baby im Arm, aber dessen Schreie werden immer schwächer. Nur wenige Momente nach der Geburt verlieren die jungen Eltern ihr Kind.

Ein Schock und Schmerz, der sich unmittelbar vermittelt. Scheint der Zuschauer durch diese schonungslose Darstellung doch wirklich mit dabei zu sein bei der Geburt, die fast dokumentarisch wirkt - und doch bis ins Kleinste komplex inszeniert wurde. Ein Höllenritt der Gefühle, bei dem man ein Paar in seiner schmerzlichsten Erfahrung kennenlernt. Und doch ist es nur ein Vorgeschmack auf das Drama, das sich anschließt.

Verlust und die schreckliche Frage, wie man damit umgehen soll

„Pieces of a Woman“, der im September auf den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt wurde und jetzt bei Netflix zu sehen ist, handelt von Verlust und der schrecklichen Frage, wie man damit umgehen soll.

Der Tod eines Babys scheint noch immer ein gesellschaftliches Tabu, über das man nicht sprechen mag und mit dem man die Betroffenen ziemlich allein lässt. Martha reagiert scheinbar stark und doch irrational, wenn sie ihr Kinderzimmer ausräumt und nur kurz darauf wieder zur Arbeit geht, wo alle betreten wegschauen. Ihr Mann Sean dagegen will Erinnerungen behalten, einen Neuanfang wagen. Und zerbricht an der Versteinerung seiner Frau.

Alte Minderwertigkeitskomplexe reißen auf

Dabei reißen auch alte Minderwertigkeitskomplexe auf, dass der Brückenbauer nicht so viel Geld wie seine Frau verdient, schon gar nicht so reich ist wie die Schwiegermutter. Komplexe, die in der Vergangenheit schon mal mit Alkohol betäubt wurden. Und dann ist da noch Marthas resolute Mutter Elizabeth (Ellen Burstyn), die ihre Tochter zwingen will, sich dem Schmerz zu stellen und einen Prozess gegen die Hebamme anzustrengen. Doch Martha muss einen eigenen Weg finden.

Dass „Pieces of a Woman“ ein so herzzerreißendes wie wahrhaftiges und psychologisch genaues Drama ist, mag auch daran liegen, dass der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó und seine Frau und Drehbuchautorin Kata Wéber einen ähnlichen Verlust erlitten und künstlerisch verarbeitet haben, um das Trauma zu bewältigen.

Kunst als Medizin gegen den Schmerz

Erst als Theaterstück, das vor zwei Jahren in Warschau uraufgeführt wurde, dann auch als Film. Den erzählen Mundruczó und sein kongenialer Kameramann Benjamin Loeb in langen Einstellungen und mit wenigen Dialogen, sie zeigen vor allem das Unausgesprochene, das Verstummen, die Leere der Protagonisten. Wobei die Kamera wie aus Distanz beobachtet, von Nebenräumen, durch Türrahmen, und den Figuren doch viel näherkommt, als gewöhnliche Filme das schaffen.

Ein intensives Kammerspiel, das ganz auf seine Darsteller setzt und setzen darf. Als Frau, die selbst unter schlimmsten Widrigkeiten geboren wurde und ihr Recht auf Leben ertrotzt hat, hat Ellen Burstyn, ein Star früher Scorsese-Filme, noch mal eine große Altersrolle. „Pieces of a Woman“ lebt aber vor allem von der atemberaubenden Vanessa Kirby.

Vanessa Kirby war nie so umwerfend wie in dieser Rolle

Bekannt wurde die britische Bühnenmimin als Prinzessin Margaret in den ersten Staffeln von „The Crown“, sie trumpfte dann auch in Action-Blockbustern wie „Mission impossible“ und „Fast & Furious“ auf – und immer spielte sie dabei Frauen, die sich nicht so verhalten, wie die Gesellschaft es erwartet. Noch nie aber war sie so stark, so umwerfend wie in dieser Rolle, der sie sich ganz ausgeliefert hat und für die sie völlig zu Recht in Venedig als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde – was sie endgültig in die Star-Liga katapultieren dürfte.

Mundruczó und Wéber, die, immer gemeinsam, mit Werken wie „Underdog“ oder „Jupiter’s Moon“ von sich reden machten, finden für ihren ersten amerikanischen Film Bilder, die einem nicht mehr aus dem Kopf gehen. Und starke Metaphern.

Hier die Brücke über den Boston River, an der der Bauarbeiter Sean mitbaut, der aber keine Brücken zu seinen Mitmenschen schlagen kann. Und da die Apfelkerne, die Martha im Kühlschrank auskeimen lassen will. Am Ende sind manche Brücken eingerissen, aber eine ist fertig geworden. Und ein blühender Apfelbaum zeugt von einem Neubeginn.

„Pieces of a Woman“ läuft beim Streamingdienst Netflix