Literatur

Was für ein glänzendes Romandebüt von Deniz Ohde

Deniz Ohde wurde 1988 in Frankfurt geboren. „Streulicht“ ist ihr erster Roman.

Deniz Ohde wurde 1988 in Frankfurt geboren. „Streulicht“ ist ihr erster Roman.

Foto: Heike Steinweg

Die Autorin erzählt in „Streulicht“ die Geschichte eines Arbeiterkindes – und steht im Finale des Buchpreises.

Hamburg.  Da ist der Vater. Er tunkte Aluminiumbleche in Lauge. Vier Jahrzehnte lang, 40 Stunden die Woche. Der Industriepark ist nicht weit entfernt vom Zuhause; nie hätte sich ihm die Frage gestellt, woanders zu arbeiten. Sein eigener Vater war auch Arbeiter. Dieser Vater wohnt mit im Haus. Da ist die Mutter. Einst aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Um dann den Vater zu heiraten, diesen einfachen Mann, der genau weiß, welchen Platz das Leben für ihn vorgesehen hat. „Dieser Arbeiterstolz, gemischt mit Trotz und aus Not geborener Arroganz“, so beschreibt es die Erzählerin einmal.

Der Vater ist ein Einsiedler und hilflos allem gegenüber, was über die Arbeit hinausgeht. Er ist notorisch misstrauisch, empfängt nie Besuch. Wie soll eine Frau nicht auch daran zuschanden gehen? Die Mutter muss auch die Sauferei von Mann und Schwiegervater ertragen, den Sammelwahn, der in ihrem Haus herrscht. Sie wird früh sterben, und für diesen Verlust wird ihr Mann keine Sprache finden. Ihre Tochter, die Erzählerin in Deniz Ohdes fabelhaftem Debütroman „Streulicht“, findet eine Sprache.

Die Heldin räumt schulische Hindernisse aus dem Weg

Und nicht allein für die bedrückenden Zustände zu Hause, in denen sich die Zurückgezogenheit der Arbeiterklasse mit der Klaustrophobie einer bestimmten defizitären Lebenseinstellung trifft. „Streulicht“ ist auch ein Milieuroman, vor allem aber ein Bildungsroman – im doppelten Wortsinne. Denn im Mittelpunkt der Handlung steht die Bildungskarriere der Ich-erzählenden Heldin. Sie muss Umwege gehen und wird von der Schulversagerin zur späten Abiturientin, dann zur Studentin. „Sieh zu, dass du ins Brot kommst“, hatte der Vater immer zu ihr gesagt. Aber die Tochter wollte mehr. Und sie bekam mehr, weil sie die Hindernisse aus dem Weg räumte. Der Erzählrahmen von „Streulicht“ sieht die Heldin als Rückkehrerin in ihren Heimatort, wo die Freunde von einst, Pikka und Sophia, heiraten: Die alten Wege werden zu Anlässen, sich zu erinnern.

Aus diesen Erinnerungen setzt sich eine Identität zusammen. In diesem Falle ist es die einer jungen Frau, die in vielerlei Hinsicht bedrängt wurde. Die Verhältnisse zu Hause – es gibt eine Episode, in der die Mutter entnervt und entkräftet auszieht, aber nicht lange danach zurückkommt –, aber auch die Welt draußen: Als Kind erlebt sie Anfang und Mitte der Neunziger, wie die Häuser von Gastarbeitern brennen. Auch an ihrer Schule erfährt die Erzählerin Fremdenfeindlichkeit. „Aber du kannst nicht gemeint sein. Du bist Deutsche“, sagt die Mutter einmal zu ihr.

Schubladendenken im Schulsystem

Dabei begegnet der Heldin das Schubladendenken im Schulsystem beinah allerorten. Wenn es um Lehrer geht, die ihr zu wenig zutrauen, schwingt Bitternis im Ton einer Erzählerin mit, die es sonst auf übergroße Nüchternheit anlegt. Deniz Ohde, die 1988 in Frankfurt am Main geboren wurde und in Leipzig lebt, will das Hochemotionale, das den Bindungen an die Herkunft innewohnt, durch sprachliche Distanz herunterdimmen. Die Reduktion in den Formulierungen hat allerdings nicht zur Folge, dass in „Streulicht“ gänzlich auf poetische Sprachbilder verzichtet würde. Hier schreibt eine Stilistin.

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Der Roman ist atmosphärisch dicht; und er vermag es, eine identifikatorische Wirkung zu entfalten, weil die Heldin gegen alle Widerstände den Erfolg erzwingt. Ihr anfängliches Scheitern auf der Schulbank soll nicht das Ende sein, die Herkunft ist das, dem sie entkommen will. Aber ihre Herkunft ist es zunächst einmal, die ihre Chancen limitiert, und deshalb kann man „Streulicht“ auch als politischen Roman lesen. Dass die Erzählerin in der Schule nicht den Ansprüchen genügt, liegt an ihrer Schüchternheit, aber auch daran, dass sie nicht genügend gefördert wird. Sie ist ein blinder Fleck im Schulsystem. Wobei man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, es hier mit einem Fall persönlichen Einsatzes zu tun zu haben. Hätte sie frühzeitig andere Lehrer gehabt, dann wäre der schulische Umweg in die Oberstufe eines Gymnasiums nicht nötig gewesen. So oder so: Der Text ist ein hochinteressantes, subjektives Porträt der Bildungslandschaft.

„Streulicht“ ist eine literarische Grisaille, ein trüber Bericht aus der ewigen Außenseiterperspektive. Und viel besser als Deniz Ohde, jene glänzende Debütantin, kann man die alte Geschichte nicht erzählen, nach der man seiner Herkunft nicht entkommen kann, so weit es einen auch in die Welt hinausträgt. Prägungen bleiben, auch wenn man seine soziale Klasse verlässt. Deniz Ohde steht mit „Streulicht“ im Finale des Deutsch Buchpreises, der am 12. Oktober in ihrer Geburtsstadt Frankfurt vergeben wird. Sie hätte es verdient, diese renommierte Auszeichnung zu gewinnen.