Roman „Das zweitbeste Leben“

Verfahrene Situationen und weibliche Identität im Kampfmodus

Die US-amerikanische Autorin Tayari Jones, hier beim Internationalen Literaturfestival in Rom.

Die US-amerikanische Autorin Tayari Jones, hier beim Internationalen Literaturfestival in Rom.

Foto: picture alliance

In ihrem Roman „Das zweitbeste Leben“ erzählt Tayari Jones die Geschichte einer Familie mit Erst- und Zweitfrau.

Hamburg. Sie hat sich aufgebrezelt. Welcher Vater sieht so etwas gern bei einer 15-Jährigen? James Witherspoon jedenfalls nicht. James Witherspoon ist aber ein spezieller Vater. Ein eigentlich grundsolider Kerl. Genau stolz genug, dass er nicht jemandes Diener sein will, aber trotzdem Menschen durch die Gegend chauffiert. Aber im eigenen Wagen. Er ist sein eigener Chef. Und er nimmt sich seine Freiheiten.

Zum Beispiel die, mit zwei Frauen verheiratet zu. „Mein Vater, James Wi­therspoon, ist ein Bigamist“, so lautet der erste Satz von Tayari Jones‘ außergewöhnlichem Roman „Das zweitbeste Leben“. Zieht einen durchaus in den Text, so ein Auftakt! Also, die aufgebrezelte Dana. Um die geht es in diesem in den 1970er- und 1980er-Jahren in Atlanta spielenden Erzählwerk. Um Dana Lynn Yarboro und um Bunny Chaurisse Wi­therspoon, zwei Teenagerinnen, von denen nur eine offiziell vom Vater anerkannt ist. Dana ist die, die im Schatten lebt, auf der Nachtseite seiner Existenz. Meist fährt James abends zu seiner Zweitfrau Gwendolyn und deren Tochter Dana. So auch dieses Mal, als Dana auf die Piste gehen will mit dem dubiosen 18-Jährigen. Dana lässt sich dabei nicht aufhalten, als dessen Karre vorfährt. Besser gesagt, sie lässt es darauf ankommen.

Die Erzählstruktur fügt sich elegant ineinander

Es wird kein Outing seitens ihres Vaters geben. Er stürmt ihr nicht nach, als sie auf ihr Rendezvous zusteuert, er macht seine Vaterschaft nicht öffentlich. Dies ist die Grundspannung, unter der das Personentableau in „Das zweitbeste Leben“ steht. Dana und Chaurisse sind nur wenige Monate voneinander geboren. Letztere lebt mit ihrer Mutter Laverne, der Betreiberin eines Schönheitssalons, in völliger Unkenntnis der zweiten Familie ihres Vaters. Jene zweite Familie schirmt der Bigamist in nie nachlassender Disziplin von der ersten ab.

Die Deklassierung ist der stete Quell des Missbehagens, des Schmerzes bei Gwendolyn und Dana. Tayari Jones, 1970 in Atlanta geboren und als Erzählerin in Deutschland mit dem Eheroman „In guten wie in schlechten Tagen“ bekannt geworden, entfaltet jene illegitime Existenz in vielen Alltagsszenen. In denen porträtiert Jones außerdem das afroamerikanische Leben und spannt einen Erzählbogen bis in die 1940er-Jahre hinein.

„Das zweitbeste Leben“ erscheint auf Deutsch nach „In guten wie in schlechten Tagen“, erschien im Original aber vorher: im Jahr 2011. Jones‘ gutes Erzählhandwerk, ihre treffenden Dialoge sind bereits in diesem Buch vor dem Durchbruch klar erkennbar. Die Erzählstruktur mit zwei Erzählperspektiven – zuerst derjenigen Danas, dann der von Chaurisse – fügt sich elegant ineinander. Was die Handlung über herkömmliche Coming-of-age-Geschichten hinaushebt, ist die Vielweiberei des Chauffeurs. Wobei bei James als Figur, die stets aus der Sicht der Töchter geschildert wird, einige Leerstellen bleiben.

Weibliche Identität befindet sich hier im Kampfmodus

Afroamerikanisches Leben ist in diesem Roman eine familiär dysfunktionale Angelegenheit, die von Jones in vielerlei Hinsicht ausbuchstabiert wird. Weibliche Identität befindet sich hier im Kampfmodus. Am beeindruckendsten ist Großmutter Bunny, die einst neben ihrem leiblichen Spross James einen Ziehsohn zu sich nahm. Raleyghs leibliche Mutter hatte keinen Platz für ihn in ihrem Leben. Einmal heißt es in dem Roman, dass viele Kinder gar nicht ihre Väter kennten.

In der Tat sind es vor allem die Männer, die unsichere Kantonisten sind. Wobei die prekäre Lage, in die der auf seine Weise treue und umsichtige James die Schattengewächse Gwen und Dana bringt, über das Normalschicksal ungesicherter Verhältnisse deutlich hinausgeht. Der Plot steuert, und diese Dramaturgie gelingt Jones meisterhaft, unweigerlich auf den Moment zu, in dem alles auffliegt. Es versteht sich von selbst, dass die Auflösung dieser tragischen Konstellation nicht weiter entfernt vom Kitsch der Vorabendserien-Welt sein könnte.