Literatur

Ein Roman, der das Leben jenseits der Konventionen feiert

| Lesedauer: 4 Minuten
Autorin Elizabeth Gilbert.

Autorin Elizabeth Gilbert.

Foto: picture alliance

Elizabeth Gilbert liefert mit „City of Girls“ lesenswerte Unterhaltungsliteratur, angesiedelt im New York der 40er-Jahre.

Hamburg. Ein Roman, der wie „Diamanten im Champagner“ funkelt? Ist zunächst mal Gegenstand der verlegerischen Werbeprosa, der Kulturteil-Poesie. Die „Washington Post“ hat Elizabeth Gilberts neuen Roman „City of Girls“ mit diesen Worten geadelt, und da ist man dann aber auch gleich im Film: Hier geht es um Glamour, um das perlende Verlangen exquisiten Genusses. Und wenn es sich dabei zunächst auch nur um eine Theaterklitsche handelt, von der aus das aufregende Leben, die Freiheit und die Showwelt erobert werden.

Vivian heißt die Heldin in diesem Roman, der so eindeutig in den Bereich „Unterhaltung“ gehört, wie obiges Zitat eben gleich doppelt andeutet. Der Glamour der Entertainmentwelt ist gut aufgehoben in den seichteren Gefilden der Unterhaltungsliteratur. Anspruchsvoll erzählt ist hier eben nichts, aber, hey, wer braucht immer und grundsätzlich Anspruch, wenn eine gute Geschichte dargebracht werden kann?

Mit „Eat Pray Love“ gelang Elizabeth Gilbert ein literarischer Welthit

Der Autorin Gilbert, Jahrgang 1969, gelang vor knapp anderthalb Jahrzehnten mit „Eat Pray Love“, dem Roman einer Selbstfindung, ein literarischer Welthit, der sich unglaubliche 15 Millionen Mal verkaufte und mit Julia Roberts verfilmt wurde. Um Selbstfindung dreht sich auch „City of Girls“. Angesiedelt hauptsächlich in den 1940er-Jahren in New York, wird in diesem, tatsächlich, Pageturner Vivians ganz persönliche Heldinnengeschichte erzählt.

Wie sie, eine Schulversagerin, aus der Provinz in die große Stadt geschickt wird, weil ihre Eltern rein gar nichts mit ihr anfangen können. Sie ist 19, schneidert gerne, mag junge Männer – das entdeckt sie aber erst hier in Manhattan so richtig – und das Nachtleben, Theater und Musicals. Ihre Tante Peg betreibt so ein Musicaltheater, es hat schon bessere Tage gesehen. Peg stellt fest, dass ihre Nichte sich vorzüglich als Kostümde­signerin macht. Und so hat Vivian dann Anteil an einer wundersamen Erfolgs­geschichte, als dem Theater ein großes Stück gelingt, das Abend für Abend den Saal voll macht.

Leider hat Vivian, die eben noch durch die schummrigen Bars und Jazzschuppen zog und Männer aufriss, sich jedoch in den ganz falschen verliebt. Es kommt zu Eifersüchteleien und einem folgenschweren Fehltritt, der Vivian aus dem Paradies des wilden, ungezügelten Lebens zurück in die Provinz katapultiert.

Viele Dialoge und schnelle Szenenwechsel

Ein Bruch in diesem umstandslos, mit vielen Dialogen, schnellen Szenenwechseln und übrigens in der Ich-Form geschriebenen Roman. Der erste Teil ist voller Komik und schafft es, trotz einfacher literarischer Mittel die New Yorker Welt von gestern zu evozieren. In Übersee herrscht ein gewaltiger Krieg, hier werden Partys gefeiert.

Wie die gerissene Erzählerin Gilbert diesen Krieg dann in die Romanwirklichkeit einbrechen und, über Umwege, das Leben der Protagonistin verändern lässt, ist kühn und fantasievoll imaginiert. Aber keineswegs realistisch, um es mal so zu sagen: Gilbert gibt ihrem Stoff einen Erzählrahmen, indem sie die inzwischen mehr als 90 Jahre alte Vivian in der Erzählgegenwart von ihren frühen Abenteuern, aber auch dem weiteren Verlauf ihrer Biografie berichten lässt. Adressiert ist diese Art Lebensbeichte an einen lange unbekannt Bleibenden, dessen schicksalhafte Verbindung mit Vivian arg weit hergeholt erscheint.

Das wahre Thema von „City of Girls“ ist, der Titel sagt es, die weibliche Emanzipation. Der Roman ist eine Feier des unkonventionellen Lebens, und das war damals vor allem für Frauen leicht und schwer zugleich zu haben. Man musste nur die üblichen Lebenslaufvorgänge Heirat und Kinderkriegen streichen, schon war man eine Individualistin. Und zahlte dafür aber einen gesellschaftlichen Preis.

Im zweiten Teil ist die Handlung von „City of Girls“ deutlich geraffter. Er zeigt eine Heldin, die vor der Liberalisierung der Ansichten, was im Liebesleben statthaft ist und was nicht, schon modern war und nun mit Erstaunen darauf blickt, wie altbacken eine Gesellschaft mal sein konnte.

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