Hamburger Band

Warum der Sterne-Sänger jetzt Perücke trägt

Sterne-Sänger Frank Spilker inszeniert sich neuerdings als suchender, leicht ramponierter (Dichter)Fürst.

Sterne-Sänger Frank Spilker inszeniert sich neuerdings als suchender, leicht ramponierter (Dichter)Fürst.

Foto: Brigitta Jahn

Für das zwölfte Album hat Frank Spilker neue Mitstreiter gewonnen. Die Texte bewegen sich zwischen Analyse und Empathie.

Hamburg. Frank Spilker, Sänger der Hamburger Band Die Sterne, ist dieser Tage in Videos und auf Fotos häufig mit einer weißen Barock-Perücke zu sehen. Ein suchender, leicht ramponierter (Dichter)Fürst. „Der Palast ist leer“ heißt wiederum ein markanter Song auf dem neuen Album seiner Gruppe, das schlicht „Die Sterne“ betitelt ist. Und schon werden die Assoziationen entfacht wie ein Feuerwerk. Eine Unterhaltungsform übrigens, die Sonnenkönig Ludwig XIV. ebenso in Mode brachte wie den dekorativen Schopf aus Fremdhaar.

Es geht also um Dekadenz und deren Protagonisten. Um Elite und deren Abwesenheit. Womöglich auch um eine Regierung, die ihren riesigen Apparat nicht mehr klug und zukunftsweisend zu füllen versteht. Es geht also unter anderem um eine ausgehöhlte Politik. Um eine Sprache der Macht und das Fehlen von Worten.

Lakonische Poesie

Dieses Sinnvakuum besingt Spilker auf dem nunmehr zwölften Sterne-Album: „Der Palast ist leer/Der Garten existiert nicht mehr /die Provinzen sind verloren/ kein Nachfolger erkoren.“ Diese Lyrik, die sich wie ein desillusionierter Kommentar zu Thüringen lesen lässt, ist bereits weit vor dem dortigen Wahl-Desaster entstanden. Schließlich ist Spilker ein aufmerksamer Beobachter. Einer, der den Blick auf das Komplexe lenkt. Der Verbindungen herstellt und Strukturen aufdeckt.

Seit der Bandgründung 1992 versteht es der Musiker und Songschreiber wunderbar, private und politische Stimmungslagen in lakonische Poesie zu packen. Deshalb schimpft er auch nicht stumpf nur auf „die da oben“, sondern macht das Wir, das eigene Milieu, das ideenlose Ich zum Teil der Richtungslosigkeit: „Wir hocken in den Kammern/Und hören uns selber jammern“, singt er in „Der Palast ist leer“. Befindlichkeiten aus der Filterblase, die Spilker gesamtgesellschaftlich ausweitet. Im Song „Das Elend kommt (nicht)“ heißt es: „Das Elend sind nicht die anderen/Das Elend kommt nicht aus Sachsen/Das Elend kommt nicht aus dem Nichts/Das Elend kommt von hier.“

Distanz zum Geschehen

Wie eh und je sorgt Spilkers spröder Gesang auch auf „Die Sterne“ dafür, dass weder Pathos noch Kumpelei walten, sondern vielmehr eine gewisse Distanz zum Geschehen gewahrt bleibt. Zwischen Analyse und Empathie bewegen sich die Texte. Die Musik wiederum weist den Ausweg: Der Körper befreit sich zu Funk, Soul, Psychedelia und Pop. Die Hitze der Nacht als Mittel gegen soziale Kälte. Tanz den Widerspruch. Tanz die Sehnsucht. Tanz die Verweigerung. Denn: „Du musst gar nix“, wie Spilker eine Ode wider die Optimierung genannt hat.

Den Sterne-Sound erschafft der Frontmann nun nicht mehr mit den Ursprungsmitgliedern Christoph Leich und Thomas Wenzel, sondern mit einer Vielzahl neuer Akteure. Es scheint, als seien Die Sterne dieser Tage weniger eine physische Band als eine Haltung. Und um diesen Sterne-Geist herum hat Spilker Gleichgesinnte geschart: Jan Philipp Janzen und Phillip Tielsch von der Kölner Band Von Spar bilden die Rhythmussektion. Neben Keyboarderin Dyan Waldes sowie Gitarrist und Arrangeur Max Knoth sind zudem das Hamburger Kaiser Quartett, Groove-Garant Carsten „Erobique“ Meyer sowie die Band The Düsseldorf Düsterboys dabei.

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Der Sterne-Kosmos hat sich enorm geöffnet, er ist flexibel und fluide geworden. Und so ist auch das Bild vom leeren Palast nicht eindimensional dystopisch zu verstehen, sondern als neu gewonnene Spielfläche. Doch wie ist diese Freiheit zu füllen? Zunächst gilt es, die eigenen Privilegien zu erkennen und zu hinterfragen: „Wir wollen keine Kaiser/Wir brauchen keine Fürsten/Wir leben hier im Westen/Wir bürsten – unsere Haare“, singt Spilker in „Die besten Demokratien“ zu sanft flirrenden Disco-Klängen. Ein schöner Schein, in dem wir existieren. Und eine abgrundtiefe Leichtigkeit, mit der Die Sterne uns darauf aufmerksam machen.