Elbphilharmonie-Konzert

Alexander Krichel lässt sein Publikum den Atem anhalten

Der Pianist stellt in der Elbphilharmonie den Werken von Jubilar Beethoven solche von Liszt gegenüber. Dabei wirkt er teils zu bemüht.

Hamburg. Beethoven im Beethoven-Jahr zu spielen: Daran kommt 2020 wohl kein Pianist vorbei. Warum auch? Jede der 32 Klaviersonaten hat ihren eigenen Reiz. Und Qualität sowieso. Dennoch gibt es sicher innovativere Klavierprogramme als Beethoven pur, und so leicht wollte es sich der gebürtige Hamburger Alexander Krichel auch nicht machen, sondern kombinierte bei seinem Solo-Recital im Kleinen Saal der Elbphilharmonie zwei Beethoven-Sonaten mit Stücken aus den „Années de pélegrinage“ von Franz Liszt.

Liszt war einer der besten Beethoven-Interpreten des 19. Jahrhunderts. Außerdem ist er „Enkel-Schüler“ von Beethoven, denn Liszts Lehrer Carl Czerny ging wiederum bei Beethoven in die Lehre.

Das waren nicht die einzigen Querverbindungen an diesem Abend. Alle Stücke hatten mehr oder weniger einen außermusikalischen Bezug, Literatur, Landschaft, Folklore und anderes. Beethovens sogenannte „Sturm-Sonate“ op. 31 soll von Shakespeares gleichnamigen Drama inspiriert sein. Die Sonate Es-Dur „Les Adieux“ Im zweiten Teil bezog sich auf den Abschied des mit Beethoven befreundeten Erzherzogs Rudolph, der sich 1809 vor den Truppen Napoleons ins Ausland retten musste. Liszts dreiteiligerer Zyklus „Venezia e Napoli“ thematisiert Musiktraditionen in Venedig und Neapel, und in der „Dante-Sonate“ zum fulminanten Konzertfinale ging es um das Schmoren verlorener Seelen in der Hölle, wie Dante es in seiner „Göttlichen Komödie“ beschrieb.

Krichel wirkt bei Liszt zu bemüht

Von diesen Hintergründen erzählte Alexander Krichel in einer kurzen Moderation jeweils am Beginn der beiden Konzertteile. Das machte er sehr sympathisch, klug, aber nicht zu komplex, seinem Publikum zugewandt, aufschlussreich für Kenner und Liebhaber gleichermaßen, mit kleinen Tonbeispielen, an die man sich dann bei der kompletten Aufführung der Werke erinnern konnte.

Ein bisschen hatte man das Gefühl, dass die scheinbar technisch weniger anspruchsvollen Beethoven-Sonaten zum Warmspielen für die halsbrecherisch schweren Liszt-Stücke da waren. Jedenfalls wirkte Alexander Krichel beim Auftakt mit der „Sturm-Sonate“ überkonzentriert und wenig frei, zu bemüht, musikalische Strukturen zu zeigen, genauso im ersten Satz der „Les-Adieux-Sonate“. Da hätte man sich profiliertere Mittel- und Unterstimmen vorstellen können und auch eine klangvollere und tragendere melodische Gestaltung in den Pianissimo-Regionen.

Ein bisschen gilt das auch für manche schwirrende Begleitung bei Liszt. Und das Zitat einer Rossini-Melodie in „Canzone“ aus „Venezia e Napoli“ in den tiefen Bassregionen hatte kaum italienischen Charme. Doch wenn es so richtig virtuos wird, ist Alexander Krichel in seinem Element. Da hielt man schon vor der Pause etwa bei Liszts „Tarantella“ den Atem an, und da überzeugte er in der „Dante-Sonate“, bei der er die vielen Schichten und Motive ungeheuer sprechend herauskristallisierte.

Zu Recht gab es Standing Ovations und zwei Zugaben.