Deutsches Schauspielhaus

Große Premiere von Kafkas "Schloss" begeistert Publikum

Carlo Ljubek (unten) steht im Zentrum des kafkaesken Auf und Abs am Deutschen Schauspielhaus.

Carlo Ljubek (unten) steht im Zentrum des kafkaesken Auf und Abs am Deutschen Schauspielhaus.

Foto: Thomas Aurin

Viktor Bodo führt seine Zuschauer mit Kafkas „Das Schloss“ in den Maschinenraum einer Geisterbahn. Das Publikum ist hingerissen.

Hamburg. Da stimmt doch was nicht. Die Lampen in den Logen flackern, die Musik bricht ab, der Vorhang quietscht und knirscht ordentlich beim Hochfahren, das Bühnenbild ist … oh, noch gar nicht fertig? Es wird gehämmert und geschweißt, Funken fliegen, reichlich Theaternebel verschleiert ein raumfüllendes, labyrinthhaftes Stahlgerüst, während im Hintergrund eine kleine Scheinwerfersonne aufgeht. „Baustellengebiet!“, bellt einer der Arbeiter.

Das Assoziationen weckende Wirrwarr aus Rohren, Geländern, Treppen ist eine ziemlich einleuchtende Bühne (Zita Schnábel) für Kafkas unvollendeten Roman „Das Schloss“: ein Fragment für ein Fragment. Alles könnte, nichts ist.

Und der ungarische Regisseur Viktor Bodo, der am Deutschen Schauspielhaus nicht seinen ersten Kafka in Szene setzt („Ich, das Ungeziefer“ nach der „Verwandlung“ läuft im Malersaal), aber erstmals die große Bühne bespielt, weiß diese eindeutig uneindeutig zu nutzen. Das Hierarchische ist hier ebenso bereits im ersten Bild angedeutet wie die allumfassende Orientierungslosigkeit.

Kafka: Landvermesser wird zunehmend ratloser

Letztere vor allem angelegt in der Hauptfigur: Der Landvermesser K. (Carlo Ljubek, den man zunächst eine ganze Weile nur von hinten zu sehen bekommt) startet unbeschwert und wird zunehmend ratloser. Er wurde doch bestellt – oder nicht? Aber wo ist er gelandet? In einem hyperbürokratischen Behördenalptraum? Einer skurrilen Dorfgemeinschaft? Einem Drogentrip? Im Maschinenraum einer Geisterbahn? Und wie gelangt er zum ominösen Schloss, das alles zu bestimmen scheint, aber selbst unerreichbar ist?

Das (Nicht-)Ankommen des Fremden bezieht Bodo, obwohl teilweise naheliegend („Kann man alle reinlassen, die in der Gosse so rumlaufen?“), nicht explizit auf die Integrationsdebatte der Gegenwart. Eher geht es ihm grundsätzlich um eine hermetische Gesellschaft, in der Uneingeweihten der Zugang verwehrt ist und deren Codes für Außenstehende undurchsichtig bleiben. Frei nach Richard David Precht: Was mache ich hier – und wenn ja, wohin?

Mit Kafka und den „Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Adaptionsbüros“, wie es im Programmheft so hübsch heißt, schafft er dafür seltsame Parallelwelten, in denen graue Arbeiter Geschäftigkeit simulieren, mal mit Helm, mal als lebende Telefonzelle mit umgeschnalltem Fernsprecher (mit Wählscheibe!) umherwandern und sich wiederholt in die absurdesten Dialoge verwickeln: „Die Rechnung geht ans Schloss.“ – „Und das Schloss...“ – „Was für’n Schloss?!“

"Das Schloss" beeindruckt mit „Special Effects“

Immer schwingt dabei etwas Unheilvolles mit. Tiefe, düstere Töne zittern unter den Szenen. Die Musiker Niklas Hardt, Stefan Rager, Dirk Ritz und Matthäus Winnitzki im Orchestergraben schaffen im Zusammenwirken mit dem Halbdunkel der Bühne eine unterschwellig bedrohliche Grundstimmung, effektvoll und handgemacht wie in einem altmodischen Sci-Fi-Thriller oder Vampirfilm (Musik: Klaus von Heydenaber, Licht: Susanne Ressin). Die tatsächliche Bedrohung bleibt unkonkret, der Grusel wirkt umso stärker in der Vorstellung der Zusehenden.

Was dem Landvermesser, dessen eigenes Ansinnen ebenfalls im Unscharfen verharrt, widerfahren könnte, wenn er sich nicht an die verwirrenden Gepflogenheiten, Regeln und Verfügungen hält? Die Fantasie wird da durchaus gefüttert, wenn die Wirtin, eine bei Lina Beckmann herrisch heranstampfende, großbusige Schabracke, mit ihrer gelenkigen Tochter (Gala Othero Winter) in den blutigen Eingeweiden eines Gulasch-Tieres wühlt und die Tochter bei der gemeinsamen Zubereitung selig seufzt: „Ich mag das Enthäuten...“.

Alle schleichen, klettern, marschieren und parlieren hingebungsvoll aneinander vorbei; es herrscht Hektik, oft Durcheinander, immer allerdings ist das Chaos ausgesprochen präzise orchestriert. Und das glänzend aufgelegte Ensemble beweist bis in die vermeintlichen Nebenrollen (Matti Krause, Yorck Dippe, Jan-Peter Kampwirth, Michael Weber, Sasha Rau) und bis zur Erschöpfung seine Lust am Spiel, an der Körperlichkeit, der Verwandlung, am Slapstick, auch wenn es bisweilen albern wird und man sich zwischenzeitlich beim gedanklichen Abschweifen erwischt.

Vielen „Special Effects“ schaut man jedoch richtig gern zu: Wenn bei einem schrägen Federballspiel der Federball an einer langen Stange geführt wird, wenn mal eine Küchenlampe und mal eine ganze Badewanne aus dem Schnürboden abgeseilt wird, oder ein Sicherungskasten nicht nur das Wetter bestimmt, sondern zur Rhythmusmaschine wird. „Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist nur Zögern“, heißt es an einer Stelle. Bei Viktor Bodo funktioniert das so: Der Weg zum Ziel, das eher nicht existiert, wird ausgelassen zelebriert.

Am Ende schafft es Ljubek, der übrigens auch eine ziemliche Konditionsleistung abliefert, auf die Spitze, nur um zu erfahren: „Das Schloss“ ist viele Schlösser, ein Himmel voller Vorhängeschlösser nämlich. Fehlt bloß der Schlüssel. „Immer auf der Suche nach der Lösung – aber vielleicht gibt es ja gar kein Rätsel.“ Abspann. War alles nur Kino. Jubel.

„Das Schloss“, wieder am Di 25.2., 19.30 Uhr, Fr 6.3., 20 Uhr, am Deutschen Schauspielhaus (U/S Hbf.), Kirchenallee 39, Karten 11,- bis 53,- unter T. 24 87 13; www.schauspielhaus.de