Konzertkritik

Ein Elbphilharmonie-Konzert, das einem den Atem verschlägt

Andrey Boreyko war von 2004 bis 2008 Chefdirigent der Hamburger Symphoniker. Jetzt dirigierte er in der Elbphilharmonie.

Andrey Boreyko war von 2004 bis 2008 Chefdirigent der Hamburger Symphoniker. Jetzt dirigierte er in der Elbphilharmonie.

Foto: Hiroyuki Ito / Getty Images

Das Staatliche Sinfonieorchester Russland „Evgeny Svetlanov“ unter Andrey Boreyko hatte einen großen Auftritt im Großen Saal.

Hamburg.  Andrey Boreyko zeigt sich nicht mehr oft in Hamburg. Doch sein Name hat in der Stadt immer noch einen Klang, hat er doch zwischen 2004 und 2008 die Hamburger Symphoniker, wie sie damals noch hießen, als Chefdirigent zu Höhenflügen geführt.

An einem sturmzerzausten Abend ist der russische Dirigent mit einem Klangkörper der besonderen Art in der Elbphilharmonie zu Gast. Das Staatliche Sinfonieorchester Russland „Evgeny Svetlanov“ wurde 1936 gegründet, Stalin lässt grüßen. Nie gehört, den Namen; er klingt ungefähr so attraktiv wie der Begriff Zentralkomitee. Aber dann machen sie alle miteinander Musik, dass es einem den Atem verschlägt.

Ein süffiges, rein russisches Programm haben sie mitgebracht, eines von der Sorte, für das man den ganz dicken Pinsel herausholen und sich einfach am Klang berauschen könnte. Aber nicht mit Boreyko. Der zeichnet und ziseliert schon in der einleitenden Tondichtung „Kikimora“ von Anatoli Ljadow, dass das Publikum die Geschichte von dem bösen Geist aus der russischen Mythologie wie auf einer Bühne miterleben kann. Die Sinfoniker mit dem bürokratischen Namen legen eine Lässigkeit, Eleganz und Wärme an den Tag, als hätte es das Gespenst einer unerbittlich sezierenden Elbphilharmonie-Akustik nie gegeben.

Radulovic – der Teufelsgeiger vom Balkan

Für das Violinkonzert von Aram Khatchaturian mit seiner Mischung aus Volkstümlichkeit und rasanter Virtuosität haben die Künstler einen denkbar berufenen Interpreten mitgebracht: Der serbische Geiger Nemanja Radulovic wird schon seit einer Weile als Teufelsgeiger vom Balkan vermarktet. Das Image passt zu den wilden schwarzen Locken und den ausladenden Bewegungen – aber dann outet Radulovics Technik ihn doch als solide westlich ausgebildeten Instrumentalisten.

Nicht alle Oktavgriffe gelingen blitzsauber, und gerade in den hohen Lagen auf der untersten Saite klingt das Instrument belegt und etwas eng. Aber der Mann hat viel zu sagen, die Menschen sind spürbar ergriffen davon. Er nimmt sich Zeit für die Phrasen und verwendet ein enormes Spektrum an Klangfarben.

Boreyko lässt die Holzbläser blühen

Als Zugabe spielt er ausgerechnet ein Stück aus dem bürgerlichsten Kernrepertoire, die Sarabande aus der d-Moll-Solopartita von Bach. Als wollte er sagen, hey, ich kann noch mehr als Folklore. Ein beseelter, liebevoll gestalteter Bach ist das, und alles hört mäuschenstill zu.

Nach der Pause folgt Tschaikowskys Vierte, ein Stück Schicksalsmusik, das an Ausdrucksfuror kaum zu übertreffen ist. Jedenfalls nicht, wenn Boreyko am Pult steht. Er ermuntert das Blech zu wahren Attacken in einem rauen, offenporigen Klang, er lässt die Holzbläser blühen und die Geigen mit der Pauke Kammermusik machen. Kein Moment, in dem man nicht dringend wissen wollte, wie es weitergeht mit diesem Seelendrama – bis zu jener Reminiszenz an die Blechgewitter des ersten Satzes kurz vor Schluss, auf die eine schier tödliche Stille folgt.

Und so eint dieser breitentauglich konzipierte Abend die Anwesenden in der Unbedingtheit seiner musikalischen Aussage. Klassenziel erreicht.