Konzertkritik

Lizz Wright macht aus der Elbphilharmonie eine Kathedrale

Starke Frau mit starker Stimme: die Jazzsängerin Lizz Wright

Starke Frau mit starker Stimme: die Jazzsängerin Lizz Wright

Foto: Jesse Kitt

Die amerikanische Jazzsängerin verzaubert das Hamburger Publikum, exzellent begleitet durch die WDR Bigband.

Hamburg.  Kurz vor der Pause spricht Lizz Wright über ihre emotionale Heimat: „This is where I come from“, daher komme ich. Womit die afroamerikanische Sängerin nicht ihren Geburtsort in Georgia meint, sondern die Kirche. Ihr Vater war Prediger, sie selbst sang bereits als Kind im Kirchenchor. Gospelmusik gehört zu ihrer DNA, ihre Lieder sind von einer großen Spiritualität beseelt. „Walk With Me, Lord“, ein Gospel-Klassiker, gehört fast immer zum Programm der Soul- und Jazzperformerin. Wenn Lizz Wright mit ihrer mächtigen Stimme zu singen beginnt, verwandelt sich die Elbphilharmonie von einem Konzertsaal in eine Kathedrale, das Orgelsolo von Billy Test verstärkt diesen Eindruck noch. Wright drückt aus, was sie fühlt, Gospel ist die Basis ihrer Musik. „Walk With Me, Lord“ ist die Erinnerung an viele Sonntage, wenn die Gläubigen in die Kirche ihres Vaters im Städtchen Hahira strömten, um seine Predigt zu hören und religiöse Lieder zu singen.

Es gibt noch eine andere Seite dieser von Religion tief geprägten Künstlerin und die drückt schwarzes Selbstbewusstsein aus. „Freedom“, geschrieben von Toshi Reagon, benennt ein weiterhin aktuelles Thema der afroamerikanischen Gemeinschaft. Freiheit ist noch lange nicht für alle Amerikaner selbstverständlich, wenn sie nicht zur weißen Mehrheit gehören. Lizz Wright singt das Lied als eine funkige Nummer, das durch ein sehr freies Solo von Paul Heller auf dem Tenorsaxofon ergänzt wird. Denn Wright hat auf der Bühne exzellente Begleitung. Die WDR Bigband unter der Leitung von Vince Mendoza liefert die Musik für ihre Songs, Mendoza hat für dieses Projekt Arrangements geschrieben, die auf Lizz Wright und sein 17köpfiges Orchester zugeschnitten sind.

Die Zeit des Weglaufens ist vorbei

Von Toshi Reagon findet sich noch ein weiteres Stück auf dem Programmzettel wieder, von dem Lizz Wright sagt, dass sie gar nicht wisse, ob das Stück überhaupt schon vollendet sei. „Aber Vince hat es bei mir gefunden und bearbeitet“, erzählt sie. „No More Will I Run“ heißt die Nummer, die sich noch auf keinem Album befindet und die in die gleiche Kerbe schlägt wie „Freedom“. Die Zeit des Weglaufens und Nachgebens ist für selbstbewusste schwarze Frauen wie Reagon und Wright vorbei.

Die meisten Stücke an diesem ergreifenden Konzertabend sind jedoch Balladen. Der Sängerin gelingt es, bei jedem Lied viel Empathie in ihre dunkle Stimme zu legen. Das Publikum im ausverkauften Saal zeigt sich hingerissen von der spirituellen Kraft dieser Künst­lerin. „Grace“, Titelsong ihres aktuellen Albums, „Barley“, ebenfalls von „Grace“ und Nick Drakes „River Man“ sind ­weitere Perlen des zweistündigen Konzertes.

Höchstes Lob für die WDR Bigband

Auch die WDR Bigband und ihr Leiter verdienen höchstes Lob für die farbigen Klänge und die Präzision ihres Spiels. Mendoza braucht sich als Dirigent nicht besonders ins Zeug zu legen, sein Ensemble läuft wie geschmiert. Immer wieder kommen einzelne Musiker für kurze Soli nach vorn auf die Bühne. Größeren Raum erhält nach der Pause die Altsaxofonistin Karolina Straßmayer, die einzige Frau in der WDR-Band. Sie begeistert mit einer technisch anspruchsvollen Interpretation von Mendozas Komposition „Spring Again“ und zeigt, dass Jazz ganz und gar keine Männerdomäne ist. In der Jazz-Szene sind Frauen leider trotzdem deutlich unterrepräsentiert. Ausnahmen sind Sängerinnen – wie Lizz Wright.