Laeiszhalle

Ein gewagtes Experiment zum Start ins neue Musikjahr

Symphoniker-Chefdirigent Sylvain Cambreling mit seinem Hamburger Orchester beim Haspa Neujahrskonzert.

Symphoniker-Chefdirigent Sylvain Cambreling mit seinem Hamburger Orchester beim Haspa Neujahrskonzert.

Foto: Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Beim Haspa Neujahrskonzert mit Dirigent Sylvain Cambreling zeigte Cellist Andrei Ioniţă einen ersten Eindruck seines Könnens.

Hamburg. Man kann es sich beim Wiederhochfahren eines Klangkörpers zum Start ins neue Jahr durchaus einfacher machen als ausgerechnet mit Berlioz‘ „Römischem Karneval“. Das Stück ist, wie es sich für Berlioz‘ Brillanz gehört, ein rasanter Drahtseilakt, man muss immer mitten hinein ins turbulent auftoupierte Mit- und Gegeneinander der fröhlichen Ideen-Karambolagen.

Dass Symphoniker-Chefdirigent Sylvain Cambreling als Nachhall für das jetzt abgelaufene Berlioz-Jubiläum diese diffizile Konzertouvertüre an den Beginn des Haspa Neujahrskonzerts gesetzt hatte, zeigt neben gutem Geschmack nicht zuletzt auch sein gereiftes Vertrauen in Belastbarkeit und Vielseitigkeit seines Hamburger Orchesters.

Gewagtes Experiment im Großen Saal

Ihm als Franzose ist diese elegante Musik nah, näher womöglich als den Symphonikern, die durch Cambrelings englischen Vorgänger Jeffrey Tate eher auf die ziemlich anders klingende Insel jenseits des Ärmelkanals ausgerichtet wurden. Wie schön also, dass das gewagte Experiment im Großen Saal der Laeiszhalle nicht in Überforderung und lauwarmem Irgendwie endete.

Hier und da hätte man dem Orchester und dem Chef zwar noch mehr Mut zur herausgekitzelten Pointe gewünscht, noch mehr smart servierten Wahnwitz beim Ausreizen der scharfen Kontraste. Beim lässig amüsierten Tänzeln durch die Noten. Doch auch das, was es an diesem Sonntag zu hören gab, hatte schon Hand und Fuß. Nur eben – noch – zu viel Bodenhaftung, einen Hauch zu viel Teilkasko-Temperament.

Andrei Ioniţă mit groß auftrumpfenden Tönen

Das gab sich bei und mit dem jungen Gastsolisten dieses Programms, das deutlich weniger kleinteilig war als die 2019-Neujahrskonzert-Version mit Walzern und Polkas. Schon mit seinem ersten, groß auftrumpfenden Ton machte der Cellist Andrei Ioniţă klar: Hier spiele ich, ich will kein bisschen weniger.

Sicher gibt es substanziellere Solo-Sausen für aufstrebende Virtuosen als die Rokoko-Variationen von Tschaikowsky. Doch um - so gar nicht mal eben dahingespielt - einen prächtigen ersten Eindruck von Können, Selbstbewusstsein und Virtuosität zu geben, ist das Jonglieren mit dem einem einfach angelegten Thema bis hoch hinauf ins Angstschweiß-Flageolett des Cellos bestens geeignet.

Unverkrampfter Orchesterapparat und spannender Solist

Cambreling konzentrierte sich darauf, den auf Mozart-Durchsicht getrimmten Orchesterapparat schlank und straff zu halten, ohne zu verkrampfen. Ioniţă nahm sich die halbwegs freie Bahn, weil es ging, und war vor lauter Spaß an der Freude mitunter knapp davor, seiner Begleitung allzu flott davonzutrillern.

In dieser Saison wird Ioniţă noch mehrfach als Residenzkünstler des Orchesters zu hören sein; wie unberechenbar spannend diese Auftritte werden könnten, zeigte seine Zugabe, der „Black Run“ des Schweden Svante Henryson, in dem das altehrwürdige Streichinstrument zur tiefergelegten, ruppig geschrubbten Bluegrass-Fiddle wurde.

Pralles Leben und die Lust am Entdecken

Derart transatlantisch eingestimmt, war es kein allzu weiter gedanklicher Weg mehr zu Dvoraks Neunter, der Sinfonie „Aus der Neuen Welt“, die trotz der reichlichen Anspielungen auf Amerikanisches noch so viel Europäisches hat. Pralles Leben, die Lust am Entdecken, die Sehnsucht nach Weite, Auslauf und noch unbekannter Natur, der enorme Drive, den die Anspielungen auf Volksmusik-Themen zu haben hätte? Bei diesen Qualitäten war das Interpretations-Konto von Cambreling und den Symphonikern nur knapp im Haben.

Ins Finale des ersten Satzes ging es nicht stramm im gestreckten Galopp, sondern gediegener. Das zartdunkle Largo, dieser erhaben zugezogene Akkordnebel zu Beginn, durch den sich das Sonnenlicht schiebt, um Platz für das berühmte Englisch Horn-Solo zu schaffen, war fein gezeichnet, doch sobald der Ruhepuls stieg, verringerte sich die Wahrscheinlichkeit, dass in dieser „Neuen Welt“ tatsächlich grundsätzlich noch Neues passieren würde.

Im Schlusssatz konzentrierte sich Cambreling darauf, das Ganze auf einer kontrollierbaren Linie zu halten. So dekorativ und populär diese Neunte nun mal ist, so dekorativ und plakativ blieb sie zur Feier dieses Neujahrskonzerts.

Nächstes Symphoniker-Konzert mit Sylvain Cambreling: 2. Februar, 11 Uhr: Festkonzert „Jeffrey-Tate-Preis“. Laeiszhalle, Gr. Saal.

CD-Tipp: Andrei Ioniţă „Oblique Strategies. Works for Solo Cello” (Orchid Classics / Naxos, ca. 11 Euro)