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Klaus Florian Vogt: "Barock-Oper ist nicht mein Ding"

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Tenor Klaus Florian Vogt begann seine Karriere als  Hornist.

Tenor Klaus Florian Vogt begann seine Karriere als Hornist.

Foto: Roland Magunia

Der Opernsänger ist gerade zum Hamburger Kammersänger ernannt worden. Im Interview spricht Vogt auch darüber.

Hamburg. Elf Jahre lang, von 1988 bis 1997, war Klaus Florian Vogt Hornist im Philharmonischen Staatsorchester in Festanstellung. Doch Vogt wollte raus, etwas ganz anderes, und erfand sich neu: als Tenor. Nach ersten Engagements ging es weltweit rasant steil bergauf, inzwischen gehört er insbesondere auf dem Grünen Hügel in Bayreuth zum Ensemble-Bestand. Vor wenigen Tagen ernannte der Hamburger Senat ihn zum Kammersänger. Von der Richtigkeit dieser Würdigung kann man sich nun in einer Wiederaufnahme-Serie der legendären „Lohengrin“-Inszenierung von Peter Konwitschny überzeugen.

Hamburger Abendblatt: Die wichtigsten Dinge zuerst: Können Sie Ihre Stimmbänder versichern wie ein Fußballer seine Beine?

Klaus Florian Vogt: Ich hab‘s nicht gemacht, und ich weiß auch nicht, ob man das kann – wahrscheinlich, wenn man genügend bezahlt.

Und wie viele weiße Schals haben Sie? Ein Tenor kann ohne ja eigentlich nicht sein.

Vogt: Keinen einzigen (lacht). Ich habe überhaupt nur einen, und den binde ich höchst selten um.

Wie läuft die Prozedur der Ernennung zum Hamburger Kammersänger ab? Ruft die Kulturbehörde an, oder der Opern-Intendant Georges Delnon?

Vogt: Herr Delnon hat bei mir angerufen und von diesem Plan erzählt. Da bin ich vom Stuhl gefallen, ich habe mich sehr darüber gefreut.

Hat das auch praktische Vorteile: Vergünstigungen beim HVV? Rabattmarken für die Kantine? Was passiert da?

Vogt: Eigentlich gar nichts, außer, dass man diesen Titel tragen darf. Und das reicht mir auch.

Vielleicht gibt‘s von nun an Gagenaufschlag.

Vogt: Auch das nicht (lacht).

Ein Pflichtthema: Bayreuth. Sie haben dort 13 Sommer hinter sich. Erklären Sie mir: Wie ist es backstage, kurz bevor die Premiere beginnt? Drehen alle durch? Gibt es sehr viel Routine?

Vogt: Routine kommt da überhaupt nicht auf. Das ist überall, immer Ausnahmezustand. Und in Bayreuth ist es meist mit einer ziemlichen Hitzeschlacht verbunden.

Nun ist das Festspielhaus, Baujahr 1875, ja ein bespielbares Museum. Sind die Garderoben entsprechend antik?

Vogt: Die sind mal renoviert worden und ziemlich komfortabel. Ich habe da kein museales Gefühl, überhaupt nicht.

Gibt es Rituale? Kommt Katharina Wagner vorbei? Gehen alle Mitwirkenden raus und fassen einmal die Wagner-Büste im Park an?

Vogt: (lacht) Die Büste fasst man vielleicht innerlich an. Aber Katharina kommt tatsächlich und wünscht jedem alles Gute, auch der Regisseur und der Dirigent kommen.

Die Bayreuther Akustik ist so einzigartig wie gefürchtet: Die Sänger und der Chor auf der Bühne dürfen um Himmels willen nicht synchron zum Orchester in dem speziell gebauten Graben singen, sonst kommt der Gesamtklang nicht richtig beim Publikum an. Macht einen das nicht wahnsinnig beim stundenlangen Singen?

Vogt: Manchmal schon. Teilweise ist das gewöhnungsbedürftig. Aber ich habe das Gefühl, dass ich mit dieser Situation ganz gut klar komme und weiß, dass ich mir im Bezug auf das Orchester mit Einsätzen immer noch mehr Zeit lassen kann, als ich im Gefühl habe.

Wann müssen Sie wieder hin zu Proben?

Vogt: Relativ früh, im Mai, weil der neue „Ring“ ansteht.

Sie sind als Siegmund dabei, es gibt drei Tenöre für die drei „Ring“-Siegfriede. Ist das Absicht? Haben Sie eine Münze geworfen oder wurden Sie gecastet und hatten gar kein Mitspracherecht?

Vogt: Siegfried habe ich noch nicht in meinem Repertoire, daher war das gar keine Frage.

Wissen Sie schon, wie der neue „Ring“ wird, den Valentin Schwarz inszeniert und den Pietari Inkinen dirigiert?

Vogt: Nein. Keine Ahnung. Ich weiß nichts.

Und wenn Sie es wüssten, müssten Sie mich erschießen, wenn Sie es verraten?

Vogt: Ich würde es nicht verraten, aber ich weiß es wirklich nicht.

Sie sind auf Wagner-Tenöre abonniert. Sobald eine neue Produktion ansteht, schlagen Sie vorher in Wagners Schriften nach, oder holen Sie zur Vorbereitung einzig die Noten aus dem Regal und sagen sich: Egal, was er theoretisiert hat, wichtig ist auf‘m Platz?

Vogt: Von allem etwas. Grundsätzlich lasse ich Neuinszenierungen unvoreingenommen auf mich zukommen und warte ab, welche Ideen der Regisseur hat.

Kann es vorkommen, dass Sie bei einer tadellos laufenden Wagner-Vorstellung so ergriffen sind davon, was Sie machen – oder was durch diese Musik mit Ihnen gemacht wird?

Vogt: Das passiert mir ständig. Und das ist auch das, was ich eigentlich möchte. Ich möchte ja der sein, den ich in dem Moment darstelle. Ich möchte dann wirklich nicht mehr Klaus Florian Vogt sein, sondern Walter von Stolzing oder Lohengrin oder Siegmund. Aber man muss stimmtechnisch auch immer aufpassen.

Wie schnell kommen Sie aus den Katastrophen im Finale vom „Lohengrin“ wieder zurück ins Normale, ins Leben?

Vogt: Beim „Lohengrin“ ist es wirklich supertraurig, das nimmt mich natürlich auch mit. Inzwischen gelingt es mir schneller, mich aus dem Mitgerissensein zu lösen. Trotzdem brauche ich mindestens zwei bis drei Stunden, um wieder auf Normaltemperatur zu sein.

Müssen Sie dann wie ein Fußballer in die Eistonne?

Vogt: Manchmal schon. Wenn ich an manche Bayreuther Vorstellungen denke, wo es auf der Bühne fast 40 Grad hat, für fünf oder sechs Stunden – danach ist man total platt.

Ist die Heldentenor-Abteilung gut oder schlecht fürs eigene Ego?

Vogt: Letztendlich war das ja die Triebfeder, dem Orchestergraben zu entsteigen, diese Motivation, in der ersten Reihe zu stehen. Da werde ich mich bestimmt nicht darüber beschweren, dass das jetzt so ist. Das genieße ich sehr.

Was ist jetzt, in diesen Zeiten, für Sie ein Held?

Vogt: Dazu gehört uneigennütziges Handeln.

Teil der Bayreuther Festspiel-Folklore sind die Hardcore-Wagnerianer, die alles gleich mehrfach besser wissen. Wie sehr nerven die einen Praktiker wie Sie, der seine Arbeit machen will, mit ihren Erbsenzählereien?

Vogt: Ich hab‘ damit keine Probleme. Ich finde das interessant, und letztendlich spielen wir doch für das Publikum. Es ist doch toll, dass Leute sich so begeistern können, dorthin pilgern, aus der ganzen Welt, um das zu erleben. Das macht viel von der Atmosphäre aus.

Neulich hat Plácido Domingo bei einem Konzert in der Elbphilharmonie gesungen. Er war mal Tenor, jetzt ist er ein Tenor, der tiefere Bariton-Partien singt. Wie bewerten Sie das?

Vogt: Ich würde es nicht machen. Das ist alles, was ich dazu zu sagen habe. Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Haben Sie sich Rollen-Limits gesetzt? Zeitpunkte, ab denen Sie sich von gewissen Partien verabschieden wollen?

Vogt: Diese Planung gibt es eigentlich nicht. Ich finde es wichtig, dass glaubwürdig ist, was ich tue. Solange das Stimmliche funktioniert und für mich vertretbar ist, möchte ich das weitermachen. Das lasse ich auf mich zukommen.

Themenwechsel: Sie wohnen in Brunsbüttel. Harter Schnitt: einerseits New York, Paris, London, München, Bayreuth oder Tokio. Und andererseits: Dithmarschen. 300 Meter weiter steht da die Kuh auf der Weide. Komisch, oder?

Vogt: Ja, das ist komisch. Doch das ist ja gerade der Grund. Die Berufsadressen sind immer große Städte, und diesen Gegensatz, diese andere Seite mag ich sehr gern. Ich bin eigentlich nicht so sehr ein Stadtmensch.

Und dann hin und wieder an den Deich, nachsehen, ob das Meer noch da ist.

Vogt: Genau. Das ist wichtig.

Muss man Mitglied im Schützenverein sein oder bei der Feuerwehr?

Vogt: Nein, muss man nicht, und bin ich auch nicht. Solche regelmäßigen Verpflichtungen kann ich gar nicht eingehen.

Von Ihnen bis nach Wacken, dem Metal-Bayreuth, sind es etwa 30 Kilometer Luftlinie. Sie waren da wahrscheinlich noch nicht, weil es immer läuft, wenn Bayreuth schon begonnen hat?

Vogt: Genau. Aber ich bin auch eher kein Metal-Fan, deshalb fehlt mir das nicht besonders. Aber in Brunsbüttel gibt es die Wattolümpiade, eine große Benefiz-Veranstaltung mit Watt-Fußball und Watt-Handball, das ist direkt bei mir vor der Tür, vorm Deich. Wenn ich da sein kann, besuche ich das.

Sie waren kürzlich in Osnabrück, in sehr spezieller Mission, mit Ihrem Sohn Bosse. Der studiert dort Musical, und Sie haben mit ihm beim Jubiläumskonzert des dortigen Symphonieorchesters mitgesungen. Sind Sie vor Vaterstolz geplatzt oder vor Aufregung?

Vogt: Erst Aufregung, danach Stolz. Wir haben „Walzertraum“ gesungen und eine Nummer aus der „Csárdásfürstin“, das hat großen Spaß gemacht, er hat es wirklich toll gemacht.

Von nun an öfter?

Vogt: Das wird sicher nicht das einzige Mal gewesen sein.

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Haben Sie ihm zu dem Beruf geraten oder konnten Sie es nur nicht verhindern?

Vogt: Ich wollte es nicht verhindern. Bei ihm hat man schon als Kind gesehen, dass mit ihm etwas passiert, sobald die Lampe auf der Bühne angeht. Das war also absehbar. Dass er in die Musical-Richtung gegangen ist, hat aber, glaube ich, auch mit mir als Vater zu tun. Damit es nicht ganz die gleichen Fußspuren sind. Er hat etwas gefunden, was ihm Spaß macht, das ist für mich das Ausschlaggebende.

Bei der Schlussfrage dürfte Wagner nicht dabei sein: Welche Oper finden Sie sterbenslangweilig?

Vogt: Oh… Kann ich nicht sagen…

Aber bei all dem, was Sie als Hornist im Staatsopern-Graben zu spielen hatten…?

Vogt: Generell habe ich meine Probleme mit Barock-Oper. Das ist überhaupt nicht mein Ding.

„Lohengrin“-Termine: 26.12., 16 Uhr / 29.12., 15 Uhr / 3.1., 18 Uhr. Dirigent: Kent Nagano. Staatsoper, Dammtorstraße, Restkarten