Konzertkritik

Silvesterkonzert mit Kent Nagano: schunkelwalzerfreie Zone

Kent Nagano beim Silvesterkonzert in der Elbphilharmonie.

Kent Nagano beim Silvesterkonzert in der Elbphilharmonie.

Foto: Roland Magunia

Der Generalmusikdirektor lieferte in der Elbphilharmonie musikalische Denkanstöße – von Bach bis Mendelssohn.

Hamburg. Die Philharmoniker-Silvesterkonzerte mit Generalmusikdirektor Kent Nagano sind als schunkelwalzer- und repertoireböllerfreie Zonen bekannt. Seine Vorliebe sind fein ausbalancierte Denkanstöße zum Jahreswechsel, mit überraschend kombinierter Musik. Musik, die mehr sein soll als die Summe ihrer Einzelteile.

Nachdem die Welt in den vergangenen zwölf Monaten bei vielen Themen und Herausforderungen erschütternd arg aus den Fugen geraten war, sollte das Programm, mit dem Nagano 2019 ausklingen ließ, sich auch darauf beziehen. Und weil dieser Anspruch so subtil verwirklicht wurde, schien niemand im Publikum das frontal Flottfröhliche zu vermissen.

Schritt weit zurück in die Musikgeschichte

In der ersten Hälfte jedenfalls begann es mit einem spektakulär inszenierten Schritt weit zurück in die Musikgeschichte. Drei Liedausschmückungen aus Gabrielis „Sacrae symphoniae“, als Surround-Beschallung von philharmonischen Blechbläsern aus den Rängen des Großen Saals in prächtigen Raum-Klang verwandelt. Ein Hauch von Markusdom und venezianischem Renaissance-Prunk lag in der Saalluft. Geerdetes Gegen-Stück dazu, eine ganz andere Art von nach Einheit suchendem Dialog, war Sofia Gubaidulinas „Ein Engel…“ von 1994, ihre Vertonung eines introspektiven Gedichts von Else Lasker-Schüler.

Zunächst nur eine einzelne menschliche Stimme, der sattwarme Alt von Nadezhda Karyazina, die im Mittelpunkt des Raums zur Einsicht mahnt, kombiniert aber eben nicht mit einem himmelhoch jauchzenden Standard-Instrument zur Routine-Verengelung. Sondern mit dem dunklen, melodisch frei schwebenden Knarzen eines weltverlorenen Kontrabasses, der unsichtbar abseits der Bühne von Stefan Schäfer gespielt wurde. Und das alles, damit es auch ja nicht einfach wurde, eingerahmt von drei Abschnitten aus Bach „Kunst der Fuge“.

Absolut-abstraktes von Bach

Absolutere, abstraktere Musik ist aus jener Zeit kaum zu haben, Nagano hatte sich für eine glasperlenspielende Kammerorchester-Fassung mit modernen Instrumenten entschieden, um die Nervenbahnen und filigranen Verästelungen der Motivverwandlungen, die eigentliche Kunst der Verfugung also, klar erkennbar zu machen.

Nach einigen anfänglichen Intonationstrübungen war das Ensemble dann auch sicher bei sich. Die großen Fragen, die Beethoven in seiner sehr späten, sehr schroff verrätselten „Großen Fuge“ op. 133 stellt, wurden vom Philharmoniker-Streicher-Quartett im Scheinwerfer-Lichtkegel angerissen. Mit einer radikalen, angstfreien und durch gewachsene Auseinandersetzung gereiften Interpretation beantwortet wurden sie zwar eher nicht. Doch der Mut an sich zu diesem Risiko für vier Individuen entschädigte bereits dafür.

Mendelssohn zum Schluss

Pause, Atempause auch, danach folgte freundlich Sinfonisches für großes Orchester statt fordernder Strukturanalysen. Dem guten alten Choral „Eine feste Burg ist unser Gott“ - aber in der prallromantisierend aufgeschäumten Stokowski-Bearbeitung - schloss Nagano übergangslos Mendelssohns „Reformations-Symphonie“ an, in deren Finale eben dieser Choral den Schlussstein bildet. Charmant und sehr mendelssohnig zartfein präsentierten sich die Holzbläser im Scherzo. Den dritten Satz skizzierte Nagano als edles Nachtsstückchen, bevor die Philharmoniker im Choral-Schlusssatz die eigenen Stärken breitflächig aufleuchten ließen.