Konzertkritik

Sensationeller Pianist hinterlässt ein erschöpftes Publikum

Pianist Alexander Lonquich trat im Kleinen Saal der Elbphilharmonie auf. Hier ist er bei einem Aufritt in Salzburg zu sehen.

Pianist Alexander Lonquich trat im Kleinen Saal der Elbphilharmonie auf. Hier ist er bei einem Aufritt in Salzburg zu sehen.

Foto: dpa Picture-Alliance / Katerina Sulova

Im Kleinen Saal der Elbphilharmonie in Hamburg harmonierten eigenwillige Werke von Charles Ives und Alfred Schnittke bestens.

Hamburg. Während Charles Ives vier Jahre lang, bis 1915, an seiner 2. Klaviersonate „Concord, Mass., 1840–1860“ tüftelte, scherte er sich nicht um die Regeln für klassische, in seinen Augen also lahm brave Klaviersonaten: Er ließ großflächig Taktstriche weg, der Solist muss Cluster mit einem 14,75-Inch-Holzbrett passgenau in die Tastatur drücken; wer möchte, kann einige Extra-Melodielinien von einer Flöte dazu spielen lassen – oder auch nicht, wenn niemand konnte, Ives war da nicht so. Ein 45-Minuten-Stresstest für Nervenstarke, der oft nach Rachmaninow auf Speed klingt und in dessen vier Abschnitte wie mit einer Schrotflinte fröhlich Zitate hineingeballert wurden, vor allem das Klopfmotiv aus Beethovens Fünfter als Running Gag.

Grandioser Wahnwitz also, in transzendenter Ruhe endend, total eigenwillig, beglückend anders als die übliche Repertoire-Ware. Kurz nach 22 Uhr, nach vier Stücken, einer zweiten Pause und vor gerade mal noch einigen Dutzend belastbarer Gäste, begann am Mittwoch diese Spätschicht im Kleinen Saal der Elbphilharmonie mit dem furchtlosen Auftritt des sensationellen Pianisten Alexander Lonquich. Der wurde, als dann alles und jeder geschafft war, so begeistert gefeiert, wie es in diesem Rahmen und um diese Uhrzeit noch möglich war.

Geigerin schwächelt stellenweise

Ein Konzert der NDR-Reihe „das neue werk“, den beiden Querköpfen Ives und Schnittke gewidmet, endete damit. Es war einer dieser weitgehend angenehm anstrengenden Oberseminar-Abende, wie es sie in vor-elbphilharmonischen Zeiten regelmäßig im Rolf-Liebermann-Studio gab: Man musste das schon wollen. Man war unter sich. Annähernd ausverkauft war es eher nie.

Die programmatische Idee, diese beiden, durch ein halbes Jahrhundert getrennten Brüder aus West und Ost im Geiste zu kombinieren, war brillant. Die Umsetzung – fast durchgängig – ebenso. Einzig bei Ives’ Violinsonate „Children’s Day at the Camp Meeting“schwächelte die Geigerin Annette Walther stellenweise in der Konzentration. Kann passieren, trotzdem tolle Musik. Wer all das verpasste, hatte jedenfalls eine Menge verpasst: Je ein Streichquartett des einen, kontrastiert mit einem Kammermusikwerk des anderen, dazu O-Töne, von Erik Schäffler vorgelesen, die belegten, wie hintersinnig und mehrfachbödig beide die Kunst perfektionierten, eigenes Können und Anspielungen auf Anderes und andere zu verbinden.

Streicherstimmen verbohren und verhaken sich ineinander

In Ives’ 2. Quartett eskalierte diese Stil-Stibitzerei im „Arguments“-Satz bis zur Vertonung einer rustikalen Verbalrangelei unter Kumpeln. Die Streicherstimmen vom Signum Quartett verbohrten und verhakten sich ineinander, als wäre das keine Kammermusik, sondern Rugby mit Noten.

Bei Schnittkes „Quasi una sonata“ war es die bitterherbe Intensität des Geigentons von Florian Donderer, der klar machte, dass diese zwei Komponisten, allem „Erkennen Sie die Melodiesplitter?“-Gerate zum Trotz, extrem wichtige Solitäre der Musik des 20. Jahrhunderts waren. Die Mühen hatten sich gelohnt.