Konzertkritik

Sonya Yoncheva – Eine Sängerin zum Niederknien

Sonya Yoncheva bei ihrem Auftritt in der Elbphilharmonie.

Sonya Yoncheva bei ihrem Auftritt in der Elbphilharmonie.

Foto: Michael Rauhe / FUNKE Foto Services

Die bulgarische Sopranistin ließ bei ihrem Auftritt in der Elbphilharmonie selten gehörten Wohlklang durch den Saal fließen.

Hamburg. Was für ein Timbre. Und welch eine Präsenz. Zum Niederknien! Die Elbphilharmonie hat ja schon so einige große Sängerinnen und Sänger erlebt. Aber Sonya Yoncheva ist noch mal eine Klasse für sich. Beim Operngala-Abend mit der Nordwestdeutschen Philharmonie – der vor allem eine Puccini-Gala war – flutet die bulgarische Sopranistin einen unglaublichen Wohlklang in den Saal.

Vielleicht kommt einem auf der Suche nach der passenden Metapher für diese Stimme auch deshalb vokales Gold in den Sinn, weil Yoncheva in der ersten Hälfte eine entsprechende Robe trägt. Irgendwas äußerst Kostbares ist es jedenfalls, was ihr da aus der Kehle strömt. Funkelnd, warm und edel. Ein idealer Sound für die bittersüßen Melodien, mit denen Giacomo Puccini seine Frauenfiguren Tosca, Mimi, Manon und Cio-Cio-San in Sehnsucht und Liebesschmerz schwelgen lässt.

Yoncheva holt ihren Bruder für ein Duett auf die Bühne

Yonchevas fülliger Sopran schmiegt sich weich ins Klangbett der Streicher- und Bläserfarben ein – von der Nordwestdeutschen Philharmonie opulent aufgetragen. Unter Leitung von Boian Videnoff spielt das Orchester süffig und sinnlich und schmachtet mit seinem Star und dessen geschwisterlichem Sidekick um die Wette. Für drei Auszüge aus „La Bohème“ hat sich Sonya Yoncheva alias Mimì ihren Bruder Marin Yonchev als Duettpartner Rodolfo an die Seite geholt. Auch er ist fraglos ein guter Sänger, aber bei weitem nicht in derselben Liga wie seine Schwester unterwegs. Wo sie das Orchester auch in Forte-Passagen mühelos überstrahlt und den Saal zum Sirren bringt, geht sein lyrischer Tenor bisweilen einfach unter. Und, nein, das liegt ganz sicher nicht an der Akustik, und da muss man auch nicht den Architekten fragen.

Wie wunderbar der Klang der Elbphilharmonie selbst eine einzelne Vokalstimme trägt, zeigt Yoncheva demonstrativ zu Beginn der zweiten Hälfte. Zur Arie der Anna aus „Le Villi“ schreitet sie, jetzt im dunkelroten Kleid, einmal langsam im Uhrzeigersinn rund um die ganze Bühne und das Orchester – und projiziert ihren Luxussopran von jeder Stelle aus gleichermaßen klar und fein differenziert.

Ihre Stimme leuchtet überall

Ob im tiefen Brustregister oder im zarten sotto voce: diese Stimme leuchtet von überall. Inspiriert vom blumenreichen Text der Arie, trägt die Sängerin dazu einen Strauß im Arm und beschenkte einige Herren im Publikum und den Tenorposaunisten mit einer roten Rose. Der Saal raunt vor Entzücken, Herzen fliegen ihr zu. Sie weiß wie es geht und schickt gleich noch ein paar Kusshände hinterher.

Ihr Charisma und der künstlerische Ausnahmerang machen auch die galaüblichen Schwachstellen des Abends wett. Die Ouvertüre zu Verdis „Macht des Schicksals“ mit ihren kantigen Blechbläserakkorden passt so gar nicht in die Puccini-Umgebung, und die reine Nettosingezeit des Programms ist eher knapp bemessen.

Aber dafür inszeniert Sonya Yoncheva mit„Un bel dì vedremo“ aus „Madame Butterfly“ kurz vor Schluss noch einmal ganz großes Gefühlskino und beglückt ihre Hörer mit drei hinreißenden Zugaben. In der Abschiedsarie „Adieu, notre petite table“ von Massenets „Manon“ zaubert sie ein paar dunkel schimmernde Piano-Töne in den Raum, die mit das Schönste gewesen sein dürften, was dieser Saal bisher gehört hat.