Elbphilharmonie-Kritik

Kidjo singt wie eingesperrt – Applaus ohne Sinn und Verstand

Angélique Kidjos Gesang in der Elbphilharmonie war von metallischer Schärfe (Archivbild).

Angélique Kidjos Gesang in der Elbphilharmonie war von metallischer Schärfe (Archivbild).

Foto: Balkis Press / picture alliance / abaca

Dirigent Dennis Russell Davies und die Dresdner Philharmonie spielen in der Hamburger Elbphilharmonie Bernstein, Weill und Glass.

Hamburg. Wenn es um Dresden und Musik geht, denken immer alle an die Staatskapelle. Schon der Beiname „Wunderharfe“ umgibt das Orchester mit einer Art mythischem Nebel. Darüber gerät leicht in Vergessenheit, dass die von der Kulturgeschichte maßlos verwöhnte Stadt natürlich Platz für mehr als einen Klangkörper von Rang hat.

Auch die Dresdner Philharmonie hat keine ganz schlechten Referenzen: Jüngst hat sie einen hochgelobten neuen Konzertsaal bekommen, seit dieser Saison hat der große Orchestererzieher Marek Janowski den Chefdirigentenposten inne.

In die Elbphilharmonie ist das Orchester mit Dennis Russell Davies gekommen. Als wollten die Künstler sich vom berühmteren Nachbarn abgrenzen, verzichten sie auf das weihevolle Zelebrieren von Klang und setzen auf frisches, rhythmusbetontes Musizieren – was zu ihrem amerikanischen Programm wunderbar passt.

Elbphilharmonie: Dresdner Philharmonie spielt Bernstein, Weill, Glass

In den drei Tanzepisoden aus Leonard Bernsteins Musical „On the Town“ aus dem Jahre 1944 lassen sich die Musiker auf die Bernstein-typische Mischung aus Spiellust, Groove und tiefem Ernst ein. Sie verschieben die Betonungen, wenden sich mal murmelnd nach innen und produzieren dann wieder Klangfarben, die jedem Jahrmarkt zur Ehre gereichen würden.

Kurt Weill schrieb seine zweite Sinfonie nach seiner Flucht aus Deutschland 1933 in Paris. Dennoch scheint das Werk sein amerikanisches Exil vorwegzunehmen. Ausgedehnte Bläserkantilenen, knapp und federnd von den Streichern begleitet, lassen an weite Landschaften denken, aber auch an die Einsamkeit des Individuums, wie sie der Maler Edward Hopper so oft thematisiert hat.

Das Ganze bezieht seinen Reiz aus dem Gegensatz zwischen Melancholie und perkussivem Biss. Dass es ein paarmal klappert, damit versöhnen die Bläsersoli und ganz besonders der innige, warme, freie Klang der ersten Flötistin.

Viele Elbphilharmonie-Besucher klatschen ohne Sinn und Verstand

Auch wenn zahlreiche Besucher ohne Sinn und Verstand zwischen die Sätze klatschen, ist es zu merken, dass sich Kenner im Publikum befinden. Die haben auf Phil Glass’ Sinfonie Nr. 12 „Lodger“ gewartet, geschrieben auf Texte von David Bowie und Brian Eno.

Glass ist ein führender Vertreter der Minimal Music. Einer dramaturgischen Entwicklung erteilt der Komponist eine Absage, er schichtet stattdessen verschiedene Rhythmen in unendlichen Wiederholungen übereinander. Die lassen Zeit, der Titularorganistin Iveta Apkalna beim Verfertigen von Dreiklangskaskaden zuzusehen.

Angélique Kidjo hinterlässt Befremden

Die Gesangspartie übernimmt die beninische Sängerin Angélique Kidjo, spektakulär anzusehen in ihrem majestätisch bunten afrikanischen Gewand. Wer jedoch im vergangenen Jahr miterlebt hat, was für musikalische Urgewalten Kidjo bei „Remain in Light“ entfesselte, dem muss sie an diesem Abend wie eingesperrt vorkommen, wie sie dasteht und die markerschütternden Texte mehr ausstößt, als dass sie sie sänge.

Kidjo setzt in der Elbphilharmonie keinen Hauch Vibrato ein, keine klangliche Modulation, das Timbre ist von leicht metallischer Schärfe, die Tonhöhe bleibt oft im Ungefähren.Einen Spannungsbogen gibt es nicht. Das passt zum Konzept der Minimal Music. Und hinterlässt doch Befremden.