Konzertkritik

Rocko Schamoni und das kaum zu ertragende Gewieher der Fans

Entertainer Rocko Schamoni (Archiv) kämpft seit jungen Jahren mit Depressionen.

Entertainer Rocko Schamoni (Archiv) kämpft seit jungen Jahren mit Depressionen.

Foto: Imago/Metodi Popow

Studio-Braun-Mitglied tritt im Schauspielhaus vor einer Magerkulisse auf – und legt dennoch einen zu Herzen gehenden Auftritt hin.

Hamburg. Es sieht schlecht aus. In „Als hätte es uns nie gegeben“ entwirft Rocko Schamoni zum Auftakt seines Konzerts im Schauspielhaus eine Welt ohne Menschen: „Bald schon, sehr bald / bleiben von uns nur Ruinen“, Kriege, Klimakatastrophe, Massensterben. Ist aber nicht schade um die Menschheit, weil: „Wir waren ohnehin / fürs Weltall kein Gewinn.“ Und die achtköpfige Band spielt dazu satten Soul, mit wummerndem Bass, quietschender Orgel, passgenauen Bläsersätzen.

Gut besucht ist das Schauspielhaus nicht. Das fällt auch auf der Bühne auf: „Schön, dass … einige da sind“, seufzt der Sänger zur Begrüßung. Ein alter Showhase wie der 1966 als Tobias Albrecht geborene Schamoni weiß natürlich, dass man ein 1100-Plätze-Haus am Dienstagabend nicht so einfach ausverkauft bekommt, traurig ist es trotzdem.

Publikum fremdelt mit Rocko Schamonis Melancholie

Zumal das Publikum in Teilen auf der Ironieebene von Schamonis Comedyprojekt Studio Braun reitet und mit der Melancholie seiner aktuellen Platte „Musik für Jugendliche“ erkennbar fremdelt.

„Wenn die Deutschen Reggae spielen, dann geht es um Depression“, kündigt er den Song „Muster“ an, und das wiehernde Gelächter aus dem Publikum ist an dieser Stelle kaum zu ertragen. Wenn man weiß, dass Schamoni seit jungen Jahren mit Depressionen kämpft, noch weniger.

Rocko Schamoni – "Der Weg hinab"

Hymne für einen Unverstandenen à la Schamoni

Der Sänger mag in anderen Kontexten eine ironische Seite offenbaren, hier aber performt er ein Konzert, das die Musik ernst nimmt. Todernst. Songs wie „Leben heißt Sterben lernen“ oder das neuere „Der Weg hinab“ sind tieftraurige Selbstentblößungen, die nur deswegen gut ins Ohr gehen, weil die Band so perfekt eingespielt ist, weil die zuckersüßen Melodien den bitteren Text umschmeicheln.

Ein Titel heißt kryptisch „Mark Hollis“ und bezieht sich auf den vergangenen Februar verstorbenen Talk-Talk-Sänger, einen der großen Unverstandenen des Pop. Einen wie Schamoni.

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Schamoni bekommt das Pathos nur schwer gezügelt

Es gibt mehrere Bezüge zu anderen Musikern, meist über Coverversionen. Von den Lassie Singers spielt Schamoni „Ist das wieder so ne Phase“, „einen der schönsten Songs, die jemals über Depression geschrieben wurden“. Von Die Regierung den bösen Trennungssong „Loswerden“. Und von Manfred Krug „Früh war der Tag erwacht“.

Als Crooner wie Krug sieht sich Schamoni wahrscheinlich auch, als Sänger, der seine Nichtstimme wie beiläufig über süffigen Jazz gleiten lässt, aber anders als Krug bekommt er das Pathos nur schwer gezügelt, vibriert sein Gesang vor untergründiger Leidenschaft.

Rocko Schamoni ist der Udo Jürgens der Subkultur

Nein, Schamoni ist kein Widergänger Manfred Krugs, sondern die subkulturelle Variante von Udo Jürgens. Jürgens, der Schlager schrieb, die immer ein Versprechen beinhalteten: dass da mehr in ihnen stecken möge als nur der Hit, Kunst nämlich. Zum Abschied: „Der Mond“. „Und die Sonne geht auf / und die Erde geht unter / ganz oben steht der Mond.“ Sieht schlecht aus.