Elbphilharmonie

Ex-Wunderkind Alina Pogostkina befreit sich vom alten Drill

Sichtlich bewegt vom Applaus: Geigerin Alina Pogostkina bei ihrem Konzert mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra in der Elbphilharmonie.

Sichtlich bewegt vom Applaus: Geigerin Alina Pogostkina bei ihrem Konzert mit dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra in der Elbphilharmonie.

Foto: Daniel Dittus

In der Elbphilharmonie lässt die gereifte Geigerin begleitet vom Royal Stockholm Philharmonic Orchestra die Tonkaskaden sprudeln.

Hamburg. Dass jemand wirklich über den Dingen steht, erkennt man meist an den besonders heiklen Passagen. Wenn das eigentlich Schwere federleicht von der Hand zu gehen scheint. Wie bei der Geigerin Alina Pogostkina, die im Finale von Mendelssohns Violinkonzert alles andere als angestrengt wirkt, obwohl ihre Finger im Dauersprint über die Saiten rasen.

Im Großen Saal der Elbphilharmonie kitzelte sie einen neckischen Charme aus dem Instrument, als würden die Tonkaskaden von alleine sprudeln, als hätte das alles nichts mit Üben, Disziplin und millimetergenauer Präzision zu tun. Wunderbar gelöst spielte Pogostkina den sauschweren Solopart, befreit vom Druck des gedrillten Wunderkinds, der sie früher eng zu machen drohte.

Pogostkina profitiert von Orchester und Dirigent

Die Mittdreißigerin ist heute eine gereifte Musikerin mit einer eigenen Handschrift. Auf ihrer Camilli-Violine, schlank und filigran im Klang, lässt sie Mendelssohns Melodien erblühen und weite Bögen entstehen, bekennt sich aber mit delikaten Phrasenenden und plastischen Seufzerfiguren auch zu den Ideen der Historischen Aufführungspraxis – immer im wachen Dialog mit Sakari Oramo und dem Royal Stockholm Philharmonic Orchestra.

Mehr als eine Show der schönen Stellen

Gleich im selbstbewussten Einwurf der Klarinette, zu Beginn, meldeten Orchester und Dirigent ihre Bereitschaft an, nicht bloß Begleiter, sondern ebenbürtiger Partner der Solistin zu sein und lösten dieses Versprechen auch ein: bei den dramatischen Akzenten, mit denen die Streicher, angetrieben von Oramo, die lyrische Stimmung im Kopfsatz aufwühlen, aber auch im herrlichen Seitenthema, das die Flöten der Solistin vorsingen. So entstand eine lebendige, pulsierende Interpretation, die weit mehr war als eine Show der schönen Stellen.

Erstaufführung von Leymans "Solar Flares"

Das Programm rahmte Mendelssohns Dauerbrenner mit zwei Werken, die hierzulande selten den Weg in den Konzertsaal finden, beziehungsweise noch gar nicht erklungen sind.

Zum Auftakt köchelten, blubberten und brodelten die Orchesterfarben in der deutschen Erstaufführung von Katarina Leymans „Solar Flares“ von 2010: ein Stück, das der explosiven Energie von Sonneneruptionen nachspürt und seine Entladungen mit der Breitwandpower des ganzen Blechbläser- und Schlagwerkapparats in den Raum schleudert. Auch Edward Elgars erste Sinfonie, die das Konzert beschloss, türmt am Ende wuchtige Sounds aufeinander.

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Ohrwurm "Pomp and Circumstance" zum Finale

Doch die Stärke der Musik liegt woanders. In einem hymnischen Thema, das wechselnden Instrumentengruppen anvertraut ist und Oramo die Möglichkeit gibt, eine breite Palette aufzufächern. Was für eine Vielfalt an Klangmischungen und dynamischen Nuancen, vom knackigen Posaunenforte bis zum kaum hörbaren Wispern der Geigen. Phänomenal!

Ein beeindruckender Auftritt des Stockholmer Top-Orchesters, das sich mit Elgars "Pomp and Circumstance" verabschiedete und dem begeisterten Publikum damit nicht nur einen langlebigen Ohrwurm, sondern auch ein Gefühl von europäischer Nostalgie mit auf den Nachhauseweg gab.