Theaterkritik

Dieser Thalia-Abend ist eindeutig etwas seltsam

Merkwürdig manieriert und ein bisschen verstrahlt: Marie Rosa Tietjen als Natalia am Thalia Thater in Hamburg.

Merkwürdig manieriert und ein bisschen verstrahlt: Marie Rosa Tietjen als Natalia am Thalia Thater in Hamburg.

Foto: Fabian Hammerl

Theaterfassung von Maxim Billers „Sechs Koffer“ am Thalia/Gaußstraße wird zum psychedelischen Abend mit schrägen Gestalten.

Hamburg. Kommen Sie rein, schauen Sie hin, hören Sie zu, lassen Sie sich verblüffen! Auf dem schrägen, bunten und doch manchmal ganz schön grausamen Jahrmarkt des Familienlebens, eine „kleine Todessehnsucht“ hier, ein schrecklicher Verrat dort; jede unglückliche Familie (das kennen Sie doch aus der Literatur, das kennen Sie doch aus dem Osten) ist schließlich auf ihre eigene Art unglücklich. Und damit hier kein Zweifel aufkommt: Wirklich „alle sind unglücklich“, heißt es also auch in Maxim Billers „Sechs Koffer“, na bitte. Im vergangenen Jahr stand der autobiografische Roman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, die Bühnenbearbeitung von Thalia-Dramaturg Matthias Günther und Regisseurin Elsa-Sophie Jach erlebte nun am Thalia in der Gaußstraße ihre Uraufführung.

Es ist ein irgendwie psychedelischer Abend voller verstrahlter Gestalten, der einen hier erwartet. Zwischen Torbögen aus Neonleuchten, die auf ein Fingerschnipsen die Farbe wechseln können und sich zu beliebigen Räumen verschieben lassen, geht der Erzähler auf die Suche. Das Familiengeheimnis, das es zu erkunden gilt, ist ungeheuerlich: Großvater Schmil, genannt „der Tate“, ist denunziert und in der Sowjetunion erschossen worden. Wer aber ist schuld?

Alle sind zugleich Ankläger und Verdächtige, sie tingeln und tänzeln durch die Kulisse, die mal Prag ist und mal Zürich, mal Sexshop und mal Kaffeehaus. Die varietéhaften Plastikfaser-Klamotten glänzen und glitzern in schlimmen, teils knalligen, teils art-déco-pudrigen Farben, großzügig schimmert dazu das Denver-Clan-Blau auf den Lidern, schon ein wenig träge wirken die Posen und Gänge dieser eigenwilligen Illusionistentruppe.

Biller spielt mit Illusionen

Und das ist es wohl auch, was diese Gesellschaft hier vor allem verkauft: Illusionen. Oder etwa: lauter Wahrheiten, geschickt als Illusionen verpackt? „Konnte es sein“, lässt Biller fragen, „dass es ganz anders war?“

Es ist auch der Schwebezustand, das Uneindeutige, das dem Abend seine Wirkung gibt. Das vermeintlich Komische, das vordergründig Lächerliche wird zum eigentlich Tragischen. Wenn zum Beispiel Marie Rosa Tietjen als Tante Natalia zunächst merkwürdig manieristisch, dann immer wahrhaftiger erzählt, wie sie mit stinkenden, schwitzenden Männern schlafen muss, um ihre Filmkunst zu verkaufen. Oder wenn Bekim Latifi ein völlig überdrehtes Solo hinlegt, das gestenreich das Familienchaos übersetzt und zurecht mit einem Zwischenapplaus bedacht wird. Alle reden sie hier um ihr Leben, jeder ringt um die Deutungshoheit. Jede Figur (immerhin drei davon selbst Schriftsteller) dieser verzweigten und in alle Welt verstreuten russisch-jüdischen Familie bekommt ihren eigenen Moment, den auch Marie Jung, Tim Porath und Paul Schröder elegant auszuspielen wissen. Max Kühn und Lisa Florentine Schmalz garnieren das Ganze mit sphärischen Klängen und Gesängen.

So wie Maxim Biller in seinem Roman nicht chronologisch erzählt, so lässt auch die Theaterfassung eher Schlaglichter aufblitzen, auf eine „Familienhölle“, in die sich die Beteiligten „reinverstrickt“ haben. Für Klarheit sorgt das nicht, und zwischendurch wird all das Abschweifen und Mäandern und Abspulen artifizieller Bewegungsabläufe manchmal auch ein bisschen langweilig.

Eisparcours auf die Bühne gebracht

Zudem hat Marlene Lockemann zu den Neonröhren auch einen Eisparcours auf die Bühne gebracht – warum allerdings die Männer darauf im Funkeldress ihre wackeligen Runden drehen? Warum der große Neon-Schwan, mit dem Bekim Latifi über die Bühne steuert? Für den Lacher (denn lustig ist es ja durchaus)? Wofür das Google-Maps-Spiel, für das sogar eigens eine Leinwand herabfährt? Nicht alles erschließt sich.

Diese Inszenierung ist eindeutig seltsam. Und trotzdem hat sie etwas. Um es frei nach dem Autor zu beschreiben, der es im Text hier ziemlich gut trifft: „Hat mich anfangs ein bisschen verwirrt, aber am Ende fast ein bisschen glücklich gemacht.“

„Sechs Koffer“, weitere Vorstellungen am Di 22.10. und Fr 8.11., 20.00, sowie am So 1.12., 19.00, im Thalia/Gaußstraße (Bus 2), Gaußstraße 190, Karten zu 25,- unter T. 328 14-444; www.thalia-theater.de