Deutschland-Premiere

Isabelle Huppert und der ungebrochene Stolz der Maria Stuart

Anfangs nur eine Silhouette, später eine unnachgiebige Anklägerin: Isabelle Huppert als Maria Stuart.

Anfangs nur eine Silhouette, später eine unnachgiebige Anklägerin: Isabelle Huppert als Maria Stuart.

Foto: Lucie Jansch

Der französischer Filmstar als rastlose Mary am Thalia Theater: Minutenlanger Applaus für eine überwältigende Schauspielerin.

Hamburg.  Und noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal. Längst laufen da die Tränen aus den eisblauen Augen, immer weiter treibt die Musik diese Frau in ihrer letzten Lebensnacht, bevor sich das Beil senken und die durch Elisabeth I. verhängte Todesstrafe vollstreckt werden soll; die weiße Schminke verwischt, und wo anfangs nur ein Mundwinkel zuckte, sind die blutroten Lippen vor Entsetzen weit aufgerissen. Aber Aufgeben ist keine Option. Kein Innehalten. Der steife Kragen macht es unmöglich, den Kopf zu senken, gut so wahrscheinlich, hier ist gar keine Demut mehr möglich und also auch keine Demütigung. Das starre Kleid zwingt das Kinn nach oben, der ungebrochene Stolz der Königin Maria Stuart, „die einige und alleinige Maria von Schottland und den Inseln“, tut es ohnehin.

Isabelle Huppert spielt diese rastlose Mary in Darryl Pinckneys dreiteiligem Monolog „Mary Said What She Said“ – und sie tut es mit einer Grandezza, einer Disziplin und einer Wucht, die einem den Atem verschlägt. Es kommt nicht oft vor, dass ein französischer Filmstar auf einer Hamburger Theaterbühne steht, aber das ist es am Ende gar nicht (oder wenigstens: nicht das allein), was hier so viele so überwältigt. Der größere Theaterstar ist, an diesem Haus jedenfalls, womöglich sowieso Hupperts Regisseur Robert Wilson, den mit dem Thalia und dem Hamburger Publikum eine ganz eigene Geschichte verbindet.

„Willkommen zu Hause“, empfängt ihn vor der Vorstellung Intendant Joachim Lux. Und Wilson, 77, dessen legendärer „Black Rider“-Triumph 30 Jahre her ist und der an diesem Abend immer wieder alte Weggefährten („Bob!“) begrüßen und geduldig Autogramme schreiben muss, ihm versagt für einen Moment dann doch kurz die Stimme.

Isabelle Hupperts Mary ist eine Silhouette im düsteren Kleid

Was als Deutschland-Premiere auf der Bühne folgt, ist eine Art Spoken Word Performance, Minimal Art, eine theatrale Kollektiv-Hypnose zu lauten, kaum je abreißenden Klängen von Ludovico Einaudi. Isabelle Huppert ist zunächst gar nicht als Person auszumachen. Ihre Mary ist eine Silhouette, die sich im golddurchwirkten düsteren Kleid vor der hellen Rückwand abzeichnet. Sie, die sich bewusst darüber ist, „an England verfüttert“ zu werden, ist, so könnte man das Bild auch deuten, nur noch ein Schatten ihrer selbst. Schwach allerdings ist sie nicht, im Gegenteil, sie verkörpert Strenge und Haltung und auch Verachtung: „Denke ich an England, dann will ich töten.“ Welche Kraft in dieser zierlichen Person lauert, während sie sich langsam auf die Bühnenrampe zubewegt und dabei unaufhörlich den „Sturm“ ihrer „zerrissenen Gedanken“ mitteilt. Wie ein aufgezogener Königinnen-Roboter rattert Huppert ihre Sätze nach vorn und knallt die Worte ins Parkett. Es ist eine rauschhafte Teufelsaustreibung, bei der die Augen wie in Ekstase rollen; ein Sog, eine Trance, der sich auch das Publikum kaum entziehen kann.

Isabelle Huppert spricht Französisch in dieser Co-Produktion zwischen dem Pariser Théatre de la Ville, den Wiener Festwochen und dem neuen Programm „Thalia International“. Die Sprache ist – auch wenn man sie nicht spricht oder irgendwann aufgibt, die rasant wechselnden Übertitel links und rechts der Bühne mitzulesen – kein Nachteil. Sie wird vielmehr zum Teil des Gesamtklanges, in den man sich hineinfallen lassen, dem man sich hingeben muss. Die Figur, diese Anklägerin „umgeben von Männern“, scheint alterslos und längst larger than life. Ihre Worte – und mehr noch: deren Rhythmus – wirken dabei wie eine weitere Tonspur.

Mary trägt ein Korsett, während sie assoziativ durch das eigene Leben mäandert: die Liebhaber, die Widersacherin, der Sohn. Und auch Bob Wilson verpasst seiner Aktrice einen solch festen Rahmen, begrenzt durch Neonröhren, mal vertikal, mal horizontal. Es liegt eine große Freiheit in diesem formalen Korsett, als könnten die Gedanken nur dadurch strömen, derweil Einaudis Musik sie unnachgiebig zieht und drängt.

Bei aller Rigorosität und Strapaze, die vor allem durch die permanenten Wiederholungen der Bewegungsabfolgen und Wortkaskaden entsteht, hat die Tour de Force auch etwas Spielerisches und sogar Humorvolles. Da ist der Hund ganz zu Anfang, der in einem Filmchen versucht, sich selbst in den Schwanz zu beißen. Da ist der weiße Stuhl, eine Anspielung auf frühere Wilson-Bühnen.

Am Ende schließt sich der samtrote Vorhang in extradramatischem Faltenwurf und das Licht fällt auf die goldenen Quasten. War doch alles nur Theater! Minutenlange Standing Ovations für einen Abend, der kraftraubend ist, hochkonzentriert, überfordernd. Und groß.

Und La Huppert? Nimmt den Applaus so leichtfüßig entgegen, als habe sie das alles gar keine Mühe gekostet.