Theaterkritik

Peter Pan als Ödipus: Bei "Neverland" passt nichts zusammen

Nunes hat Barries „Peter Pan“-Geschichte für "Neverland" einmal durch den Geschlechter- und Zeiten-Mixer gedreht.

Nunes hat Barries „Peter Pan“-Geschichte für "Neverland" einmal durch den Geschlechter- und Zeiten-Mixer gedreht.

Foto: Krafft Angerer

Wirr, klug, läppisch, unterhaltsam und nervtötend: Antú Romero Nunes stellt seiner Erfolgsästhetik am Thalia Theater selbst ein Bein.

Hamburg. Anfang der 1980er beschrieb der US-amerikanische Familientherapeut Dan Kiley das „Peter-Pan-Syndrom“: Es ging ihm um Männer, die sich weigern, erwachsen zu werden. In diesem Sinne ist Thalia-Hausregisseur Antú Romero Nunes so etwas wie der Peter Pan der deutschsprachigen Bühnenkunst – ein hochtalentierter Theatermacher, der sich trotz seiner mittlerweile 36 Jahre eine kindliche Lust am Spiel, am Budenzauber und am Erzählen bewahrt hat. Und der damit einen Kontrapunkt setzt zum Diskurstheater, das auch am Thalia gern gepflegt wird.

Entsprechend dieser küchenpsychologischen Analyse liegt es nahe, dass Nunes sich unter dem Titel „Neverland“ mit Motiven aus J.M. Barries „Peter Pan“-Roman beschäftigt. Man erwartet Zauber, man erwartet Fabulieren, man erwartet Action – und man bekommt das alles auch. Und gleichzeitig verweigert sich der Regisseur den Erwartungen.

Der Abend zerfällt vorn und hinten

Sicher, die Produktion wartet auf mit einem beherzten Zugriff auf den Stoff, sie versammelt großartige Schauspieler (weil „Neverland“ im Rahmen des „Thalia International“-Programms entstanden ist, wird das Thalia-Ensemble verstärkt durch Gäste aus Ljubljana, Stockholm, St. Petersburg sowie durch Schauspielschüler aus Brüssel, Maastricht, Salzburg, Breslau und Helsinki), sie schichtet Regieidee auf Regieidee, sie bezaubert mit einer wandlungsfähigen Bühne (Matthias Koch) und vertrackt-erotischen Kostümen (Lena Schön und Helen Stein), sie wird untermalt von den suggestiven Pianoklängen Anna Bauers. Und doch: Der Abend zerfällt vorn wie hinten, nichts passt zusammen.

Nunes hat Barries „Peter Pan“-Geschichte einmal durch den Geschlechter- und Zeiten-Mixer gedreht: Der Titelheld ist hier eine Heldin, mit überirdisch androgyner Schönheit gespielt von der Schwedin Electra Hallman. Und diese Heldin entführt kein kleines Mädchen aus ihrer Durchschnittsfamilie ins Traumreich Neverland, sondern einen sinnsuchenden Reisenden (der Slowene Marko Mandić) aus dem überhitzten Hostelzimmer. In Neverland erleben die beiden alles andere als kindgerechte Abenteuer, kämpfen gegen den Piraten Hook (Thalia-Neuzugang Christiane von Poelnitz glänzt mit derber Obszönität) und albträumen sich in dysfunktionale Familienverhältnisse.

Ein zutiefst eigenartiger Theaterabend

Klingt, als ob die Geschichte halbwegs nachvollziehbar wäre, aber man sollte sich nicht von solch einer Inhaltsangabe täuschen lassen: Der Abend beschreibt nicht nur einen Traum, er übernimmt auch die Dramaturgie eines Traumes, und die richtet sich nicht nach inhaltlicher Logik. Nunes springt also von Barries Roman zum erotischen Fiebern, von dort zur Empörung über Gentrifizierung und Overtourism, von dort zum Fußballer Christiano Ronaldo, der selbst eine Art Peter-Pan-Figur sei, die mit Erwachsenwerden ebensowenig anfangen könne wie mit sexueller Eindeutigkeit.

Was ein kluger Gedanke ist, der aber sofort abgelöst wird vom Gefrotzel über die „dümmste Sprache überhaupt“ – Portugiesisch, worüber sich Nunes als Halbportugiese zwar lustig machen darf, damit allerdings jeden Geistesblitz im Keim erstickt. Immerhin ist das eine Gelegenheit für Aenne Schwarz (die Barries Feenfigur Tinkerbell als groben Urmenschen George ganz neu interpretiert) eine Fado-Parodie in dieser angeblich dümmsten Sprache zu singen. Alles für sich genommen toll, aber, ach.

Wenn man in diesem zutiefst eigenartigen Theaterabend einen roten Faden sucht, dann findet man ihn am ehesten im babylonischen Sprachwirrwarr. Tatsächlich sind die unterschiedlichen Sprachen der Beteiligten ein durchgängiges Thema, im Hostelalltag des Travellers ebenso wie im Schimpfen auf die Touristen, die nach und nach jeglichen Charakter aus Berliner Undergroundclubs vertreiben. Auf der Thalia-Bühne bildet sich dieses Sprachdurcheinander dadurch ab, dass die Darsteller mal in ihrer Muttersprache reden, mal im international verständlichen Pidgin-Englisch und immer wieder auch in einem schönen, akzentgefärbten Deutsch (und wo das nicht mehr weiterhilft, da gibt es immer noch die omnipräsenten Übertitel).

Nunes findet keine Struktur

Im Grunde ist es erfrischend, dass Nunes seinem Stück immer wieder ein Bein stellt. Wo Mandić zum Beispiel das Publikum in einer wirklich erbärmlichen Nummer das Publikum zum Klatschen animiert, sabotiert der Regisseur seine längst zur Bürde gewordene Erfolgsästhetik, das ist raffinierter, als es in seiner Offensichtlichkeit scheint. Aber es macht den dreistündigen Abend eben auch arg lang. Eine Struktur findet der Regisseur nicht, irgendwie will immer noch ein weiteres tolles Bild entworfen werden, und dann schaut man eben Schwarz zu, wie sie nach einer drastischen Geburtszene nackt, blutig und voller Mutterkuchen beiläufig über die Liebe eines Hundes parliert, oder man lässt sich von Poelnitz’ tonlosem Gelächter ein Schaudern über den Rücken jagen. Sieht super aus, passt aber nie.

Zur Auflösung rettet sich der Abend in eine abstruse Familiengeschichte: Hook und der Reisende erlebten einst eine leidenschaftliche Nacht, aus der Hooks Tochter Peter Pan entstand. Mutti Hook aber liebt ihr Kind nicht, weswegen dieses immer weiter nach der mütterlichen Liebe sucht (und mit zunehmendem Alter bekommt diese Suche auch eine immer stärker sexuell geprägte Komponente). In der Psychoananalyse nennt man solch eine Konstellation Ödipus-Komplex, und als Traum eines ödipal verwirrten Menschen kann man diesen gleichzeitig wirren, klugen, großartigen, läppischen, unterhaltsamen und nervtötenden Abend halbwegs einordnen.

Allerdings wacht man nach so einem Traum wie gerädert auf.

Thalia Theater: Publikumsstimmen

Juliane Weiß, Hamm: „Ich habe tatsächlich noch nie so wenig in einem Theater kapiert wie heute Abend. Aber ich habe mich auch noch nie so gut unterhalten. Es war ein toller Abend.“

Carsten Mühlberger, Eppendorf: „Totalausfall. Ich bin in der Pause gegangen.“

Tanja Quandt, St. Pauli: „Die Schauspielerinnen und Schauspieler waren wirklich allesamt großartig. Aber ich habe nicht verstanden, was das alles sollte. Mit der ,Peter Pan‘-Geschichte hatte die Inszenierung kaum noch etwas zu tun, aber eine neue Geschichte gab es anstatt dessen eben auch nicht.“

Neverland wieder am 17. und 18. 10., 19 Uhr, 9. 11., 20 Uhr, 10. und 23. 11., 19 Uhr, 24. 11., 13.30 Uhr, Thalia Theater, Alstertor, Tickets unter 32814444, www.thalia-theater.de