Konzertkritik

Musiker jammen einfach vor der Elbphilharmonie weiter

Eine Musikerin des European Union Youth Orchestra (Archiv).

Eine Musikerin des European Union Youth Orchestra (Archiv).

Foto: Picture Alliance

Das European Union Youth Orchestra schweißte die Zuhörer im Großen Saal zu einer großen Schicksalsgemeinschaft zusammen.

Hamburg. Europa ist eins? Das wäre schön. Aber man darf ja Träume haben. Jedenfalls tragen die Damen des European Union Youth Orchestra blaue Schärpen, und auf jeder prangt statt des üblichen Sternenkranzes ein einziger, fetter goldener Stern. Das ist es dann aber auch schon mit den Extravaganzen – alles Übrige gilt der Kunst an diesem Abend in der Elbphilharmonie.

Guillaume Connessons zehnminütige „Flammenschrift“ ist schon an den einleitenden drei Staccato-Schicksals-Forteschlägen unschwer als eine klingende Hommage an den begabtesten Wutkopf der gesamten Musikgeschichte zu erkennen – erraten, Beethoven. Das lodert und wogt und entfaltet einen hochdramatischen Sog. Connesson bezieht sich in einer heutigen, aber harmonisch bezogenen Sprache hörbar auf seinen Vorgänger, aber ohne einen Hauch von Epigonentum. Frisch und interessant das Ganze, und präzise gearbeitet zudem.

Nur im zweiten Satz wird es wirklich packend

Dafür kommt Mozarts Klarinettenkonzert ziemlich von der Stange. Es bleibt einfach wahr: Mozart ist sehr schwer zu spielen, und das hört man leider. Die so federleicht gedachten Kantilenen in den ersten Geigen sind nicht ganz kohärent, in den Mittelstimmen nuschelt es, das erste Horn kiekst immer wieder. Der Dirigent Stéphane Denève bleibt ein individuelles Interpretationskonzept schuldig. Und der Solist Andreas Ottensamer, seines Zeichens Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker, spielt seinen Part auf ostentativ sportlich-coole Weise schnurgerade durch, als hätte er das Konzert „drauf“. Falsch. Es gehört zum Wesen großer Kunst, dass man nie sicher sein kann. Im zweiten Satz zaubern sie mal ein wirklich packendes, fast ins Nichts verschwindendes pianissimo, aber dabei bleibt’s. Schade.

"Adagietto" rechtfertigt die große Besetzung

Aber dann. Dann kommt Mahlers Fünfte. Und mit der schweißen die Musiker alle Anwesenden zu einer großen Schicksalsgemeinschaft zusammen. Ländlerisches Schwelgen wohnt gleich neben tiefer Verzweiflung, beides verblenden die Musiker mit den Militärklängen von Mahlers Heimatstädtchen Kalischt. Es ist einfach sensationell, was für Klangfarben Denève den Holzbläsern entlockt: Das schnarrt und zürnt, dass einem das Herz stehenbleibt. Der Hornist Benedikt Scholtes spielt seinen exponierten Part souverän, kraftvoll und beseelt. Und spätestens wenn im „Adagietto“ zwölf Kontrabässe lenorweiche Pizzicati tupfen, wissen wir, wozu das Orchester in einer derart riesigen Besetzung angereist ist.

Die Spannung löst sich in einem nicht endenwollenden Begeisterungsorkan. Schließlich geben die Musiker die „Farandole“ aus Bizets zweiter „Arlésienne“-Suite zu – und dann jammen sie auf dem Elbphilharmonie-Vorplatz weiter, für die Leute, die die Übertragung des Konzerts auf der Leinwand verfolgt haben. Groove, strahlende Gesichter, Umarmungen. Und für einen Moment scheint Europa eins zu sein.