Konzertkritik

Großartige Moondog-Hommage beim SHMF

Moondog, hier eine Aufnahme von 1975,  wohnte 1974 etwa vier Monate lang in einer WG in Hamburg. 

Moondog, hier eine Aufnahme von 1975, wohnte 1974 etwa vier Monate lang in einer WG in Hamburg. 

Foto: SHMF/Peter Krabbe

Im Thalia Theater spielten die französische Pianistin Katia Labéque und die Band Triple Sun ein starkes Konzert.

Hamburg.  „Floating“ – das Motto hätte treffender nicht sein können, denn an diesem rundum gelungenen Abend im Thalia Theater wurde der Wahrheitsgehalt einer alten Erkenntnis auf der Bühne vorgeführt: alles fließt. Das SHMF hatte beim dritten Gastspiel seiner Reihe „Moondog – 5 außergewöhnliche Konzerte in Hamburg“ erneut demonstriert, wie bereichernd es sein kann, neue Wege einzuschlagen.

Größten Anteil an dieser Art des musikalischen Erkenntnisgewinns hatte Katia Labéque. Die französische Pianistin, die gemeinsam mit ihrer Schwester Marielle seit den 70ern das aufregendste Klavierduo weltweit bildet, hat oft mit Crossover-Projekten ihre musikalischen Horizonte erweitert. War es früher die Zusammenarbeit mit Jazzern und baskischen Musikern, so ist es inzwischen die Minimal Music, die sie in verschiedenen Konstellationen erkundet.

Kompositionen von Moondog neu arrangiert

Ein Herzensprojekt in diesem Zusammenhang ist „Floating“, das sich der Legende Moondog widmet, deren unübersichtlich großes Werk fast vergessen ist. Louis Thomas Hardin (1916-1999), Künstlername Moondog, war ein unorthodoxer Musiker, der von so unterschiedlichen Kollegen wie Strawinsky, Bernstein, Charlie Parker, Philip Glass, John Zorn, Paul Simon und Janis Joplin geschätzt wurde. Der früh durch einen Unfall Erblindete hatte sich musikalisches Wissen über die Braille-Schrift und durch genaues Hören selbst angeeignet. Von 1943 bis 1974 trat er in New York als Straßenmusiker mit bizarrem Wikinger-Outfit und Rauschebart an seinem Stammplatz Ecke 6th Avenue/54th Street auf, wo er eigene Kompositionen vortrug und zur lokalen Berühmtheit wurde.

Auf Einladung des Hessischen Rundfunks kam er 1974 nach Deutschland, wo er bis zu seinem Tod lebte. In den USA wurde er beim New Music America Festival 1989 wiederentdeckt. Heute aber ist er kaum noch präsent. Zu Unrecht, so hatte SHMF-Intendant Christian Kuhnt vor einigen Tagen gesagt: „Wir beginnen gerade erst, seinen Einfluss auf die Minimal Music zu verstehen.“

Um dieses Verständnis geht es wesentlich in dem Projekt „Floating“, das Katia Labéque gemeinsam mit der Band Triple Sun erarbeitet hat. Sie haben Kompositionen von Moondog neu arrangiert und brachten nun die oft filigranen Stücke im instrumentell angereicherten und elektrisch verstärkten Outfit auf die Bühne. Für eine zusätzliche Dimension sorgte der Breakdancer Yaman Okur mit seinen Performances.

Ein Abend im Sinne des griechischen Philosophen Heraklit

Katia Labéque, die zuweilen mit hartem Anschlag auf dem Steinway-Flügel wie der Keyboarder in einer Rockband rhythmisch begleitete, sowie David Chalmin (Gitarre, Synthesizer, Electronics), Massimo Pupillo (Bass) und Raphaël Séguinier (Percussion, Drums, Electronics) demonstrierten in einem 75-minütigen Set nicht allein die Qualität von Moondogs-Kompositionen sondern auch deren historische Bedeutung. Denn man ahnte rasch, dass in kindlich-zarten, eingängigen Melodien wie bei „Elf Dance“ oder „To A Seahorse“ mehr steckt, als es beim vordergründigen Anhören scheint.

Tatsächlich bietet Moondog Strukturen, die aus zeitgenössischen Musikrichtungen verblüffend bekannt vorkommen und ihn als Pionier und Visionär ausweisen. In Songs wie „Tugboat Toccata“, „Oboe Round“, „Loneliness“, „Bumbo“ oder „Birds Lament“ mit ihren Ostinati und der sich steigernden Dynamik, atmosphärischen Sounds oder rhythmischen Wiederholungen, die leicht verschoben werden, scheinen ebenso Elemente des Progressive Rock (etwa King Crimson), Ambient (Tangerine Dream zum Beispiel) und selbstverständlich Minimal Music auf. Letztere Querbeziehung demonstrierte Katia Labéque mit einem energetischen Philip-Glass-Solo.

Ein Abend im Sinne des griechischen Philosophen Heraklit: Alles floss, die Einheit aller Dinge war spürbar.