Konzertkritik

Mit dem Kuscheltier in die Elbphilharmonie

Dirigent Krzysztof Urbanski

Dirigent Krzysztof Urbanski

Foto: Daniel Dittus

Zehn Termine, 75.000 Tickets bestellt, mehr als 20.000 Besucher: „Konzerte für Hamburg“ auch im dritten Jahr ein großer Erfolg.

Hamburg. „Ach, meine Elphi...“ seufzt eine Besucherin am Aufgang zum Großen Saal mit einer Mischung aus Sehnsucht und Vorfreude in der Stimme. Sie ist nicht das erste Mal hier – im Gegensatz zu einem Drittel derer, die dieser Tage in die zehn „Konzerte für Hamburg“ strömen. Mehr als 75.000 Bestellungen gab es für insgesamt etwa 21.000 Tickets zu Preisen von acht bis 24 Euro, erneut musste gelost werden. Dabei wurden nicht nur Online-Bestellungen entgegengenommen, im Rahmen einer Bücherhallentour gab es in verschiedenen Stadtteilen Beratung und Hilfe bei der Registrierung, etwa in Neugraben und Wilhelmsburg, in Kirchdorf und Horn. Ein „sehr positives Feedback zum Konzertformat und große Dankbarkeit über die Möglichkeit, vor Ort Fragen stellen zu können – insbesondere bei älteren Teilnehmern“ konstatiert Elbphilharmonie-Sprecher Tom R. Schulz.

Viele Kinder dabei

Im Großen Saal selbst fallen aber erst einmal nicht die Älteren, sondern eher die ganz schön Jungen auf. Manche Eltern haben ihre Kinder mitgebracht, die im Verlauf der nächsten 70 Minuten mal gespannt zuhören, dann wieder unruhig mit den Beinen schlackern und sich schließlich – das Kuscheltier in der Hand – an Papas Arm drücken oder auf Mamas Schoß klettern. Bei manchem Klassikkonzert würde das stören, hier passt es ins Gesamtbild zu dem auch die ein oder andere kurze Hose (bei Erwachsenen!) und bisweilen gar ein Heavy-Metal-T-Shirt gehört. Wer Anzug und Krawatte trägt, ist eindeutig overdressed.

Entsprechend eingängig das Programm des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter der Leitung von Krzysztof Urbanski. Mit Solistin Anna Vinnitskaya ist pianistische Weltklasse garantiert und mit dem zweiten Klavierkonzert von Dmitri Schostakowitsch gibt es zum Auftakt ein Stück, das mal so furios ist, dass schon nach dem ersten Satz tosender Jubel aufbrandet, dann wieder so sehnsüchtig-verträumt daherkommt, dass der Saal unisono in den „Hach, ist das schön“-Modus-schaltet.

Erinnerung an die Schulzeit

Schostakowitsch hatte das Konzert 1957 für seinen Sohn Maxim geschrieben, der es zu seiner Graduierung am Moskauer Konservatorium uraufführte. „Nicht erhaltenswert“, sei das Werk, urteilte der Komponist später.

Eine Behauptung, die Anna Vinnitskaya Lügen straft. Mit großer Virtuosität und sichtbarer Lust am Überschwang spielt die Hamburgerin die wildesten Läufe, um wenig später mit großer Empfindsamkeit das berühmte Andante anzugehen. Ihr, die in Russland aufgewachsen ist, bedeute das Stück sehr viel, hatte sie zuvor in einem Interview gesagt. Es erinnere sie an ihre Schulzeit in der Sowjetunion, an ihre Zeit als Pionierin. Tatsächlich spielte sie es erstmals im Alter von elf Jahren in ihrer Heimatstadt Novorossijsk am Schwarzen Meer.

An diesem Abend gibt es gleich zwei Konzerte

Im zweiten Teil des Konzerts gehört die Aufmerksamkeit dann ganz Krzysztof Urbanski und seinem Orchester. Tschaikowskys Vierte Sinfonie verlangt zwar eine längere Konzentrationsspanne als der knapp 20-minütige Schostakowitsch-Part, doch das Werk ist so reich an Höhepunkten, an emotionalen Ausbrüchen und schwelgerischen Momenten, dass selbst die ganz Kleinen, die im Rücken des Orchesters sitzen, gebannt auf die Bläsergruppe und die große Pauke schauen. Gelegentlich wird gar der Rhythmus mitgeklopft, während die Erwachsenen mit geschlossenen Augen den Klängen lauschen.

Beim Finale allerdings hält es manchen kaum auf dem Sitz, solche Wucht entfacht das Orchester, der Beifall ist entsprechend groß und will kaum abebben. Mehrmals wird Urbanski zurück auf die Bühnen geklatscht; erst nehmen einzelne Instrumentengruppen, dann das ganze Orchester die Ovationen entgegen. Während bei Konzerten, nicht nur in der Elbphilharmonie, häufig zu beobachten ist, dass die ersten schon beim Beginn des Schlussapplauses aufspringen und zu Garderobe oder Parkhaus eilen, verlässt hier niemand den Saal bis die Musiker abgehen.

Neue Lust auf Klassik

Auch zehn Minuten nach Konzertende sitzen überall noch Grüppchen, die das gerade Erlebte (und den auf zahlreichen Fotos verewigten Saal) auf sich wirken lassen. Natürlich ist die Elbphilharmonie immer noch ein architektur-touristisches Ziel, aber, das zeigen die „Konzerte für Hamburg“: Sie bringt vor allem Menschen mit klassischer Musik in Berührung, die danach womöglich mehr davon wollen.

Sehr viel mehr Großer Saal geht an diesem Abend allerdings nicht, denn in gerade mal einer Stunde werden Anna Vinnitskaya, Krzysztof Urbanski und sein Orchester das Programm ein weiteres Mal spielen, für die nächsten 2100 Besucher. Freundlich-dezent weisen die Saalordnerinnen die in sich Versunkenen darauf hin, und wenig später sind dann sogar die Foyers geräumt.

Auf der Tube ist die Stimmung gelöst: „Es war so toll!“ spricht eine Besucherin in ihr Handy. Und es klingt schon fast wie „Ach, meine Elphi...“.