Akustik-Problem

Hohes Rauschen: Defekte Klimaanlage in Elbphilharmonie

Der Große Saal der Hamburger Elbphilharmonie (Archivfoto).

Der Große Saal der Hamburger Elbphilharmonie (Archivfoto).

Foto: picture alliance

Yuja Wang und Luxemburger Orchester müssen im Großen Saal gegen seltsame Geräusche anspielen. Die Hintergründe.

Hamburg. Der wilde Caliban ist angeblich schuld an dem hohen Rauschen, das deutlich im Großen Saal der Elbphilharmonie am diesem Freitagabend zu hören ist. Moderator Michael Becker hat ihn gleich ausgemacht. Wie gut, dass Shakespeares Geist sich ausgerechnet die ProArte-Reihe „Faszination Klassik“ für seinen Streich ausgesucht hat. So kann’s der eloquente Becker dem Publikum in der Elbphilharmonie gleich zu Beginn des Konzerts charmant vermitteln.

Störender Luftstrom

Nur Nörgler würden sich noch stören an dem Luftstrom, der das Konzert des Orchestre Philharmonique de Luxembourg garniert, mit Vorliebe an leisen Stellen, aber tonartlich netterweise oft passend. Hey, Husten, Handyklingeln und unsensibles Klatschen sind weit schlimmer!

Rauschen passt programmatisch

Außerdem passt es ja programmatisch. Beckers Assoziation ist nicht aus der – tönenden – Luft gegriffen. Das Programm beginnt mit „Der Sturm“ von Tschaikowsky, einer Fantasie nach Shakespeares gleichnamigem Theaterstück. Fast unhörbar flirrt die Luft in den Streichern, und die Bläser tupfen kurze Motive hinein, wie Möwen am bewegten Himmel. Was für eine Raumwirkung entfaltet der Klang, was für subtile piani zaubern Horn und Klarinette! Irgendwo grummeln Große Trommel und Pauke – eine dumpfe Ahnung, mehr nicht.

Nicht jeder im Saal wird gewusst haben, dass das kleine Luxemburg ein Orchester hat. Und schon gar nicht so eines. Unter ihrem Chefdirigenten Gustavo Gimeno lassen die Musiker nichts anbrennen. Neben so viel Spiellust wird ihre unfehlbare Präzision beinahe zur Nebensache.

Zwei Klavierkonzerte im Gepäck

Gleich zwei Klavierkonzerte haben die Künstler und ihre Solistin Yuja Wang im Gepäck. Am Anfang von Ravels Konzert für die linke Hand könnte man die Schwingungen in Kontrafagott und Bässen zählen, so tief und düster beginnt die Musik. Sie hat einen existenziellen Hintergrund: Ravel schrieb sie im Auftrag von Paul Wittgenstein, der im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm verloren hatte. Dessen pianistische Fähigkeiten müssen außergewöhnlich gewesen sein.

Yuja Wang – in einem golddurchbrochenen Nichts von einem Kleid – hat jedenfalls gut zu tun, um den gesamten Umfang der Tastatur zu bespielen, sie bindet die Intervallsprünge so geschickt zusammen, als würde sie alle zehn Finger benutzen. Im langsamen Satz bleibt einem schier das Herz stehen, so mondweich liebkost sie die Töne. Und aus dem letzten Satz grüßt aus dem erotisch biegsamen Fagottsolo mit der stoischen Streicherbegleitung der „Boléro“ herüber.

Pianistin in vamp-weiß

Zum zweiten Klavierkonzert von Schostakowitsch nach der Pause erscheint Wang in vamp-weiß und reißt die Hörer hin mit ihrer heiteren, gesanglichen Interpretation. Irgendwo zwischen einem frühen Beethoven und einer sternflimmernden Hollywood-Nacht siedelt sie das Stück an, und der Komponist enthält sich für dieses eine Mal seines Dauerzynismus.

Überwältigend frisch und farbig gelingt Gimeno und den Seinen auch Strawinskys „Feuervogel“. Gimeno macht nicht viele, aber sehr expressive Gesten, er lässt seinen hervorragenden Orchestersolisten Raum und weiß aber auch genau, wann er die Zügel aufnimmt und musikalische Temperamentsausbrüche erster Güte hinlegt. Das Publikum tobt, die Künstler lassen sich nicht lumpen und schmeißen noch zwei Zugaben vom Allerfeinsten.

Volumenstromregler defekt

Erst beim Hinausgehen rückt ins Bewusstsein, wie warm es inzwischen im Saal geworden ist. Sollte das seltsame Rauschen doch ein ordinäres Lüftungsproblem gewesen sein?

Aufklärung kommt am Sonnabendmittag von Elbphilharmonie-Sprecher Tom R. Schulz: "Aufgrund eines defekten Volumenstromreglers in der Klimaanlage kam es während des Konzerts am gestrigen Freitag wiederholt zu kurzen Perioden, in denen der Luftdruck im Großen Saal, in den Foyers und im Backstagebereich nicht identisch war", so Schulz zum Abendblatt. "Dies führte zu den im Saal vernehmbaren Strömungsgeräuschen." Also eher nicht der Caliban. Das Problem soll mittlerweile behoben sein.