Konzertkritik

The Streets feiern furioses Comeback in der Großen Freiheit

Mike Skinner und The Streets bei einem Konzert Ende Januar in Sheffield.

Mike Skinner und The Streets bei einem Konzert Ende Januar in Sheffield.

Foto: Myles Wright / imago/ZUMA Press

Nach acht Jahren Pause lässt Mike Skinner den Rausch von früher wieder aufleben. Die neueren Songs kommen nicht dagegen an.

Hamburg. Die Umbaupause gerät an diesem Abend etwas zu lang. In der bis unters Dach ausverkauften Großen Freiheit 36 legen die ersten Besucher, die einen Sitzplatz in den Wandverschlägen im ersten Stock ergattert haben, ihren Kopf in die Hände, bei dem ein oder anderen fallen direkt die Augen zu. Das mag jedoch auch am Sauerstoffmangel liegen, denn der britische Rapper Murkage Dave, der, wie er während seiner Performance selber mehrfach betont, einer der größten The-Streets-Fans ist, hat sich zuvor alle Mühe gegeben, die erst nach und nach eintrudelnde Menge auf Betriebstemperatur zu bringen.

Doch wer acht Jahre auf ein Bühnencomeback seines Idols aus Tagen, die von Sinnsuche und Herzschmerz geprägt waren, wartet, den bringen auch 40 endlos lang erscheinende Minuten an einem Montagabend in einem zumindest von außen betrachtet geordneteren Leben nicht aus der Ruhe. Wer nicht, schläft, trinkt, quatscht oder schmiegt sich an seinen Partner.

„Dry your eyes“, die Hymne, mit der Mike Skinner 2004 seinen größten Erfolg landete, sie tröstete so manchen Millennial über eine verflossene Liebe hinweg. „There’s plenty more fish in the sea“ – andere Mütter haben auch schöne Töchter, die Prophezeiung des Songs, sie scheint knapp zehn Jahre später wahr geworden. Und so finden sich außergewöhnlich viele Pärchen unter den aus Thirtysomethings bestehenden Konzertbesuchern, die artig auf das Erscheinen der Band warten.

Aberwitziger Stagediving-Einsatz

Und der britische Rap-Virtuose, der Straßenpoet mit dem charakteristischen Cockney-Dialekt, er enttäuscht nicht. Mit einem Bierbecher in der Hand schlendert Mike Skinner schließlich lässig die Zeilen von „Turn the Page“ rappend auf die Bühne. „You look like a lovely bunch to me“, begrüßt er das Hamburger Publikum und geht direkt mit der ersten Reihe auf Tuchfühlung. Schon beim zweiten Song „Let’s Push Things Forward“ bahnt er sich im Scheinwerferlicht seinen Weg durch die tobenden Reihen.

„All I wanna do is to have a party“ wiederholt der wie seine gesamte Band komplett in Schwarz gekleidete Skinner immer wieder und bringt seine Anhänger mit einem aberwitzigen Stagediving-Einsatz, direkter Ansprache und vollem Körpereinsatz mehr und mehr zum Kochen. Um für „Female Empowerment“ einzustehen, lässt er dann auch noch explizit mehrere Damen crowdsurfen – aber nur diejenigen, die Jeans tragen und auch nur bei voller Beleuchtung, damit sie dabei nicht belästigt werden. Und so wabert unterschwellig auch ein klein wenig aktuelles politisches Flair zwischen den bekannten Zeilen hindurch.

Gegen die alten Hymnen kommen die neuen Stücke nicht an

Und bekannt sind seine Songs: Mitsingen, das kann an diesem Abend jeder. Der 40-Jährige rappt sich durch seine Debütalben „Original Pirate Material“ und „A Grand Don’t Come For Free“, gibt aber auch Songs aus seinen drei weiteren Alben, die von 2002 bis zu seinem Rückzug 2011 erschienen sind, zum Besten. Bei der Zugabe probiert er sich dann auch an neueren Tracks, die er 2018 produziert hat, aus.

Doch gegen die Hymnen von damals kommen sie nicht an. Bei „Blinded By The Lights“ gibt es endgültig kein Halten mehr, bevor Skinner mit „Fit But You Know It“ den „Going absolutely Crazy“-Part einleitet. Durch die lange Pause, scheint auch kaum jemand dem wirbelnden Sprachakrobaten und seiner hervorragenden Liveband den nur 75-minütigen Auftritt krummzunehmen. Der Birminghamer verabschiedet das Publikum mit zwei Sektduschen, und so entlässt er nicht nur eine von der Musik beglückte, selig grinsende Menschenmenge in die Nacht, sondern schafft es zudem bei seinen Altersgenossen, den Rausch von früher für einen kurzen Moment wieder aufleben zu lassen.