Konzertkritik

Besinnliche Stimmung bei Joan Baez – aber kein Kuschelkurs

Joan Baez am Montag im Hamburger Mehr!-Theater

Joan Baez am Montag im Hamburger Mehr!-Theater

Foto: Michael Rauhe

Die 78-Jährige trat im Hamburger Mehr!Theater auf. Sie bezieht Stellung, aber ohne Wut. Standing Ovations schon vor Konzertbeginn.

Hamburg. Sie hat noch keinen Ton gespielt, noch keine Silbe gesungen, da steht das Publikum schon. 2500 Menschen im seit Wochen ausverkauften Mehr! Theater applaudieren nicht nur einer Sängerin, sondern vor allem einem Menschen. Einer Frau, die ihr Leben dem Kampf für den Frieden, dem Kampf gegen Unterdrückung und für Gerechtigkeit verschrieben hat: Joan Baez. 78 ist sie vor wenigen Wochen geworden, doch wie sie da in Jeans, Bluse und Jackett auf der Bühne steht, könnte man sie auch für Mitte 60 halten. Gute Gene oder gutes Karma? In ihrem Fall wohl beides.

„That’s a good start“, sagt Joan Baez mit einem Lächeln und beginnt ihr 110-minütiges Konzert mit „The Times They Are A-Changin“, einer von vielen Klassikern an diesem Abend. Einer, der heute noch so aktuell ist wie vor 55 Jahren, als ihn Bob Dylan erstmals sang. Die Zeiten ändern sich, sie haben sich schon oft geändert. Und Joan Baez war stets mittendrin. Kämpfte an der Seite von Martin Luther King für die Ziele der Bürgerrechtsbewegung, setzte sich für das Ende des Vietnamkrieges ein, ging für ihre Überzeugungen ins Gefängnis und wurde zu einer Ikone des gewaltlosen Widerstands.

Seit 60 Jahren auf den Bühnen dieser Welt

Erst kürzlich lief auf Arte die Dokumentation „How Sweet The Sound“. Darin ist zu sehen, wie Joan Baez während eines zwölftägigen US-Bombardements in Hanoi ausharrt, wie sie Jahrzehnte später im belagerten Sarajevo auf der Straße singt, mit einer Schutzweste gegen Scharfschützen. Eine Heldengeschichte? Joan Baez jedenfalls sieht es nicht so. Sie tut, was ihrer Meinung nach einfach getan werden muss. Seit 60 Jahren schon abseits, aber auch auf den Bühnen dieser Welt. Und am Montagabend eben im Mehr! Theater.

Eine große Show braucht sie nicht; geradezu bescheiden steht sie ihrer Gitarre auf der Bühne und singt. Lieder, die die hier Anwesenden fast sämtlich mitsingen können. „Farewell, Angelina“, „It Ain’t Me, Babe“, „Diamonds & Rust“, „Joe Hill“, „Gracias a la vida“: eine höherer Klassikerdichte ist kaum vorstellbar. Und wenn ein paar neue Songs in die Setlist rücken oder weniger bekannte Coverversionen wie „Last Leave“ von Tom Waits“ und „Another World“ von Anthony and the Johnsons auf dem Programm stehen, gibt es eine kurze Einführung.

Scharfe Kritik an US-Präsident Trump

Auch auf dieser Abschiedstour geht es nämlich darum, klar und unmissverständlich Stellung zu beziehen. Komplizierte Lyrik, wie bisweilen bei Bob Dylan, die sich erst nach umfangreicher Textexegese erschließt, ist ihre Sache nicht. Ebenso wenig wie Zynismus oder bittere Ironie. Und weil sie selbst so offen und authentisch ist, entstehen auch bei den auf Deutsch gesungenen Liedern „Der Mond ist aufgegangen“ und „Sind so kleine Hände“ (mit dem sie den anwesenden Wolf Biermann grüßt) Momente großer Intimität.

Was nicht heißt, dass Joan Baez auf Kuschelkurs ist. Donald Trump nennt sie „krank, verrückt und gefährlich“ als sie „Deportee“ ankündigt, einen Songs über mexikanische Einwanderer. Es sei jetzt nicht die Zeit, Mauern zu errichten, sondern den Hungrigen zu Essen zu geben, die Frierenden zu kleiden, erklärt sie. Aber: Auch wenn sie klar Stellung bezieht, ist da keine Wut, schon gar kein Hass, sondern der unverbrüchliche Glaube, dass sich der Lauf der Welt tatsächlich zum Guten wenden lässt.

Eine milde, besinnliche Stimmung am Ende

Dazu passt natürlich John Lennons „Imagine“ im Zugabenblock, das in der Halle ebenso beherzt mitgesungen wird, wie „The Boxer“ von Simon & Garfunkel und vor allem das abschließende „Donna Donna“.

Sicher, ihre Stimme ist nicht mehr so glockenhell wie vor fünf Jahrzehnten, das kann sie ja auch gar nicht sein, doch an Charisma hat Joan Baez nichts eingebüßt. Und der Gefahr, musikalisch zu gleichförmig zu werden, begegnet sie mit einer kleinen Band mit ihrem Sohn Gabriel am Schlagzeug und Dirk Powell an Bass, Banjo, Piano. Hinzu kommt Sängerin Grace Stumberg, die bei einigen Songs für etwas mehr vokales Volumen sorgt.

Als kurz vor 22 Uhr das Licht im Saal wieder angeht und Joan Baez sich mit einem kurz angesungenen „Gute Nacht!“ verabschiedet, herrscht eine milde, fast schon besinnliche Stimmung. Kein lautes Wort, niemand drängelt an der überfüllten Garderobe. Erstaunlich. Lieder können wohl tatsächlich etwas bewirken. Zumindest für kurze Zeit. Und besonders dann, wenn Joan Baez sie singt.