Konzertkritik

Die Symphoniker im Großen Saal: Heiliges ohne Bimbam

Sylvain Cambreling im Großen Saal beim Schlussapplaus.

Sylvain Cambreling im Großen Saal beim Schlussapplaus.

Foto: Daniel Dittus

Chefdirigent Sylvain Cambreling überzeugt bei seinem Elbphilharmonie-Debüt mit Debussys „Le Martyre de Saint Sébastien“.

Hamburg.  Wenn man es als Dirigent bei Claude Debussy mit der Süße und der Lieblichkeit überreizt, kann das Ergebnis schlimmstenfalls so klingen, wie eine überheizte, schlecht gelüftete Einkaufszentrums-Parfümerie riecht. Sylvain Cambreling weiß das und hielt sich daher mit klarem Kopf fern von der betäubenden Risikozone. Seine Debussy-Klangvorstellung ist vor allem elegant, aber nicht auf oberflächlichen Glanz abzielend. Der diskrete Charme der Nuancen im Inneren einer Stimmschichtung ist ihm wichtiger als der durch Lautstärke erzielbare Gesamt-Druck. Kleinere Fingerzeige, größere Wirkung.

Dass der Franzose für sein erstes Konzert als neuer Symphoniker-Chefdirigent in der Elbphilharmonie das ebenso heikle wie beeindruckende Mysteriendrama „Le Martyre de Saint Sébastien“ angesetzt hatte, war eine mutige, angenehm überraschende Entscheidung gegen das Übliche. Das in keine Genre-Abteilung passende Melodram, nur selten in gekürzter Länge im Konzertsaal zu bestaunen, bietet viele Herausforderungen und verlangt dennoch Demut, weil oft auf sehr großem Raum extrem wenig „passiert“.

„Sébastien“ parsifalt und pelleast opernhaft und weihevoll so vor sich hin, indem es Stimmungen ausbreitet, gerade in dieser Hinsicht wusste Cambreling die Potenziale insbesondere der Symphoniker-Holzbläser geschickt auszuspielen. Und er kostete die verzückten und der Welt entrückten Momente dieser Heiligen-Nacherzählung mit meditativer Innigkeit aus. Wer mochte, konnte darin bereits Vorboten von Messiaens Tonsprache aus der Mitte des 20. Jahrhunderts heraushören. Und auch für diese Passagen hatte Cambreling genügend Geduld, um die Klangflächen wirken und sie im Rahmen des Möglichen in dieser trockenen Akustik nachklingen zu lassen.

Dörte Lyssewski predigt aus imaginärer Kanzel

Zum Gelingen dieser Aufführung, die bestens ins spiritualisierte Konzept des „Lux aeterna“-Festivals passte, trug außerdem bei, dass die Solisten effektverstärkend im Klang-Raum verteilt waren: Die drei im Timbre fein aufeinander abgestimmten Gesangsolistinnen Lauryna Bendžiūnaitė (Sopran), Agata Schmidt (Mezzosopran) und Stine Marie Fischer (Alt) waren in den Bühnenbereichen seitlich oben hinter dem Orchester postiert, an den Rändern der ordentlich funktionierenden Europa-Chor-Akademie Görlitz. Sprecherin Dörte Lyssewski predigte, über Lautsprecher verstärkt und dezent beleuchtet, ihre Textpassagen aus einer imaginären Kanzel vor dem Orgel-Spieltisch im Mittelgebirge.

Debussys sonderbare Atmosphären-Mischung, der Wechsel zwischen Erzählstrecken und karg archaischen Chorsätzen, zwischen den oft leicht weggetreten wirkenden Orchester-Zwischenspielen und diesen pompösen Blechbläser-Fanfaren – all das verschmolz zu einem Panorama-Pathos, das seinen eigenen, erhabenen Reiz hatte, ohne flott im Sakralschwulst zu versinken. Der Applaus nach den 90 pausenlosen Minuten „Sébastien“-Schnelldurchlauf war groß, aber nicht riesig, eher respektvoll. Passend zum programmatischen Wagnis Cambrelings, sich als hiesiger Neuling derart radikal der gängigen Erwartungshaltung zu entziehen.

CD-Tipp: Debussy „Le Martyre de Saint ­Sébastien“. SWR-Sinfonieorchester, Sylvain Cambreling (Glor Classics, ca. 32 Euro).