Klassik

Bei Berlioz waren Hamburgs Symphoniker fantastique

Sylvain Cambreling, neuer Chefdirigent der Symphoniker Hamburg, bei seinem ersten Laeiszhallen-Konzert im Oktober.

Sylvain Cambreling, neuer Chefdirigent der Symphoniker Hamburg, bei seinem ersten Laeiszhallen-Konzert im Oktober.

Foto: Axel Heimken / picture alliance/dpa

Das zweite Laeiszhallen-Konzert mit dem neuen Chefdirigenten Sylvain Cambreling war Versprechen und Verpflichtung zugleich.

Hamburg.  Die Orchester-Flitterwochen mit einem neuen Chefdirigenten sind eindeutig die interessanteste, aber auch die undankbarste Zeit, um Leistungen und Potenziale der Frischverknallten Maestro und Tutti zu begutachten und zu beurteilen. Noch kennen sie sich nicht richtig, haben sich noch nicht übelgelaunt und unmotiviert stundenlang bei Proben ertragen müssen; noch hängt der gemeinsam zu erobernde Himmel voller frisch renovierter Stradivaris. Was will man dazu sagen, schreiben, meinen, das sowohl aktuelle Eindrücke bewerten als auch visionären Weitblick mit hoher Trefferquote beweisen kann?

Also: Tagesform.

Und so gehört und gesehen, war der zweite gemeinsame Laeiszhallen-Konzertabend der Symphoniker Hamburg mit dem neuen Chefdirigenten Sylvain Cambreling am Sonntag Versprechen und Verpflichtung zugleich. Er zeigte, was bereits rund läuft. Und ebenso, wo es noch hakt. Beides, um das schon mal vorwegzunehmen, an erstaunlichen Stellen des Programms. Und beides ist überhaupt kein Wunder, zu diesem Zeitpunkt.

Cambreling zaubert und bezaubert mit Berlioz

Die Repertoire-Zusammenstellung jedenfalls war ambitioniert: Drei Schriftsteller-Vertonungen von drei eigenwilligen Komponisten, Schumanns „Faust“-Ouvertüre, Liszts erste Sinfonische Dichtung „Ce qu’on entend sur la montagne“, auch als „Bergsinfonie“ (kaum) bekannt, basierend auf einem Gedicht von Victor Hugo, und das verkappte Bratschenkonzert „Harold in Italien“ von Berlioz, sein exzentrischer Soundtrack zu einem romantisch verklärenden Byron-Text. Das ziemlich große Delikatessen-Besteck also.

Doch obwohl gerade die handliche, vergleichsweise überschaubar strukturierte „Faust“-Ouvertüre das kleinste Problem hätte darstellen sollen, erwies sich dieses Stück als das heikelste. Anstatt dessen Architektur zu lüften und die musikalischen Gedanken zum Tanzen zu bringen, blieb das Gehörte steif und starr. Die Geister, die das rufen sollte, sie wollten eindeutig nicht kommen. Seiner stilistischen Elastizität schon viel näher waren Liszts euphorische Natur-und-Welt-Erkundungen; hier war Cambreling als Orchester-Animateur entschieden deutlicher nicht mehr ans Reimschema gebundener Rezitator, sondern ausholender Erzähler.

Weitaus geglückter, aufregender, irrwitzig auftrumpfender jedoch – und das lag beileibe nicht nur am Notenmaterial – war der Berlioz. Man müsste sich schon sehr anstrengen, diese funkelnde Einzelgänger-Vertonung lauwarm abzuliefern. Cambreling tat etwas ganz anderes. Er zauberte und bezauberte mit dieser Musik und brachte sie unangestrengt zum gepflegten, geschmeidigen Durchdrehen. Der junge Brite Timothy Ridout genoss, wie breit und wie verdient man seinem satten Bratschenklang den roten Teppich ausrollte; das Orchester hatte seinen Spaß mit den überdrehten Einfällen und den dreist auftrumpfenden Eskapaden, die man in dieser Dichte nur bei Berlioz erleben darf. Ein extrafeines Finale also.

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