Kritik

Der neue Chef der Symphoniker Hamburg ist ein Glücksfall

Sylvain Cambreling, die neue Nummer eins am Pult der Symphoniker Hamburg

Sylvain Cambreling, die neue Nummer eins am Pult der Symphoniker Hamburg

Foto: Daniel Dittus

Sylvain Cambreling erhält bei seinem Antrittskonzert stehende Ovationen. Die Solisten lassen allerdings manchen Wunsch offen.

Hamburg.  Die Symphoniker Hamburg haben einen neuen Chefdirigenten, und Bürgermeister Peter Tschentscher leistete sich bei seinem Grußwort zum Antrittskonzert in der Laeiszhalle einen hübschen Versprecher: „Der künstlerische Weg von Sylvain Cambreling ging durch viele internationale Musikmetropolen der Welt und endet jetzt …“ – hier hielt der Redner kurz inne und spulte zurück: „… und ist jetzt angekommen …“ Gekicher im Publikum.

Nein, von einem Ende konnte man bei diesem furiosen Einstand wirklich nicht sprechen. Sylvain Cambreling, agile 70 Jahre jung, machte schon vor dem ersten Einsatz klar, worum es ihm ging. „Bonsoir“, begrüßte er die Anwesenden auf Französisch und kam dann in wenigen deutschen Worten auf das zu sprechen, was „Staub“ von Helmut Lachenmann, das erste Stück des Programms, ausmacht: nämlich was zwischen den Noten steht, die Stille der Pausen oder, in Cambrelings charmanter wie bildmächtiger Aussprache, die „Schsch-tiele“.

Und die bekam er dann auch. Rund eindreiviertel pausenlose Stunden lauschte das Publikum spürbar aufmerksam dem Weg, den das Orchester und die Europa-Chor-Akademie Görlitz unter seiner entschlossenen Stabführung einschlugen. Und zwar auf unbekanntem Terrain – das Programm war nicht nur wegen seiner Länge, sondern erst recht wegen der Stückauswahl alles andere als bequem. Wer gekommen war, um sich in Beethovens Neunter zu aalen, hatte einiges Unerwartete zu verkraften. Was von Cambreling natürlich reinste Absicht war.

Cambreling verleiht der Musik aufregende Frische

Aus dem „Staub“ machten die Beteiligten so richtige Geräuschmusik, echten Lachenmann eben. Kosmische Winde wehten durch Flöten und über halb abgedämpfte Geigensaiten, es prasselte und seufzte und rutschte, und ab und zu stürzte ein Felsbrocken ab. Ob die Streicher ihre Bögen diagonal über den Korpus ihrer Instrumente bewegten und dadurch ein Rauschen erzeugten oder ob die Bläser nur die Klappen bewegten: Solcherlei Klang-Spezialeffekte mögen in den 80er-Jahren, als das Stück entstand, halbwegs neu gewesen sein, heute sind sie Standard. Doch Cambreling verlieh der Musik aufregende Frische, als erzählten er und die Musiker von einem Gewaltmarsch durch eine wüste Gegend. Es klapperte ein paarmal in den Streichern? Sei’s drum.

Der Komponist will sich ausweislich des Programmhefts Beethovens Neunter als Steinbruch bedient haben. Mag sein, dass das auf Molekularebene der Fall war, zu hören war es nicht. Aber dramaturgisch machte sich der Hinweis ausgesprochen gut. Zumal das letzte Grummeln der Kontrabässe nahtlos in das tiefe, aber tonale Raunen der Neunten überging.

Eine unsentimentale, straffe Neunte wurde das. Das mit dem Verbrüderungspathos – darauf warten doch alle insgeheim ab Takt eins – sparte sich Cambreling schön auf und spannte Musiker wie Hörer einstweilen mit ellenlangen Crescendi auf die Folter. Manchmal bewegte sich die Masse noch ein wenig zäh angesichts der ungewohnt flotten Tempi, oder es hakte im Notendickicht. Aber die Früchte der gemeinsamen Arbeit waren deutlich zu erkennen.

Solisten lassen manchen Wunsch offen

Cambreling formte die Musik bis in die kleinsten Umspielungen, ließ sie aufblühen, führte sie zurück ins Pianissimo und erzeugte eine sich ständig verändernde Textur. Was zu tun bleibt, ist Stoff für den gemeinsamen Weg, der vor dem Orchester und seinem neuen Chef liegt. So ist das eben mit Anfängen.

Während der Chor wunderbar präsent und klar sang, ließen die Solisten manchen Wunsch offen. Emily Magee, Michaela Schuster, Sebastian Kohlhepp und Luca Pisaroni schienen kein Bedürfnis zu haben, ihre Stimmen zu einem Quartett zu verschmelzen. Insbesondere Magee brüllte den Sopranpart, als müsste sie eine Stalinorgel übertönen. Ihr, gelinde gesagt, leicht überholtes Konzept von dieser zweifellos fordernden Partie passte nicht zu Cambrelings differenziertem Zugriff.

Immerhin Pisaroni konnte noch punkten. Er überzeugte nämlich als Sprecher in Arnold Schönbergs erschütternder Kantate „Ein Überlebender aus Warschau“ trotz leichter Abstriche in der Aussprache des englischen und deutschen Textes.

Publikum würdigt nicht nur die Musik

Cambreling hatte das Stück, eine grauenerregend naturalistische Klangdarstellung des Holocaust, mitten in das atemlose „Freude“-Getümmel gepflanzt. Wie ein zerrissener Blitz schlug der erste Trompetenstoß ein. Wer wäre nicht zusammengezuckt bei den gebellten Befehlen: „Abzählen!“, „Achtung!“, „Rascher!“ Und dass die Musiker dann noch einmal zu Beethoven zurückkehrten, zum rasanten Schluss mit vollem Chor und Jahrmarktgeklingel, das war eine Desillusionierung erster Güte.

Dem Jubel im Saal konnte das nichts anhaben. Die Standing Ovations, das war zu spüren, galten nicht nur dem eben Gehörten. Das Orchester hat einen neuen Chefdirigenten und die Stadt ein neues musikalisches Gesicht. Ja, Sylvain Cambreling ist in Hamburg angekommen. Er hat noch viel zu sagen.