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Thalia-Spielplan: So viel Gegenwart war nie

| Lesedauer: 7 Minuten
Maike Schiller
Joachim Lux, Intendant des Thalia Theaters, und Julia Lochte, Chefdramaturgin, stellen die Spielzeit 2020/2021 im Thalia Theater vor.

Joachim Lux, Intendant des Thalia Theaters, und Julia Lochte, Chefdramaturgin, stellen die Spielzeit 2020/2021 im Thalia Theater vor.

Foto: Christian Charisius / dpa

In der Spielzeit 20/21 stehen Bestseller von Dörte Hansen und Saša Stanišic auf dem Programm, acht Premieren gibt es bis Jahresende.

Hamburg.  Das ist ja auch das Schöne am Theater: dass kein Satz einfach so dahergesagt wird. Allem wohnt eine Bedeutung inne, oder man schreibt ihm eine zu, manchmal sogar mehr als bloß eine, vielem immer wieder eine neue. Je nachdem, wer wann spricht oder etwas geschrieben hat oder zitiert.

Am Thalia Theater fängt das bei den ganz banalen Dingen an: „Wir kennen uns vom Sehen“ haben sie jetzt auf die theatereigenen Masken gedruckt, in thaliatypisch versetzter Schrift, und auf den Stoffbeuteln steht das unkaputtbare Lessing-Zitat „Es ist so traurig, sich allein zu freuen“. Was ja schon immer galt, aber nach so vielen Wochen ohne Publikumskontakt eine ganz neue Aufladung erhält.

Thalia-Spielplan: So viel Gegenwart war nie

So wie die allerersten beiden Premierentitel der nächsten Saison, die beide eigentlich schon in der letzten hätten passieren sollen, und deren Titel nun wie Post-Corona-Absicht klingen: „Opening Night“ nach dem Film von John Cassavetes, per Zoom geprobt und schon für den 16. August unter freiem Himmel auf dem Parkplatz der Gaußstraße geplant. Regie: Charlotte Sprenger.

Kann es einen passenderen Titel geben nach all den Monaten der Schließung? Ja, einen vielleicht, mit dem die große Bühne am Alstertor nun am 30. August in die Saison startet, und der Ende März schon einmal auf dem Spielplan stand: „Ode an die Freiheit“, ein Triptychon nach Friedrich Schiller in der Regie von Antú Romero Nunes.

Bewusst, so erzählt es Thalia-Intendant Joachim Lux nun bei der Präsentation des neuen Spielplans, hätten sie die Plakate in den vergangenen Wochen in der Stadt hängen lassen, ein stilles Zeichen der Verbundenheit. Denn Schiller hat ja gar nicht von der Freiheit erzählt. Sondern von der Sehnsucht danach.

Die kennt man am Thalia nun auch hinter den Kulissen zur Genüge. Bühnenbilder wurden umdisponiert, weil sich die Techniker beim Auf- und Umbau zu nah gekommen wären, Plexiglas kam ans Inspizientenpult und zwischen Schauspieler, Maskenbildner haben in Homeoffice Perücken geknüpft, Tischler Trennwände für Probebühnen gebaut. „Welche Arbeit ist zu tun, und wie kann man sie sicher erledigen?“, das sei die Kernfrage gewesen, erzählt Thalia-Geschäftsführer Tom Till.

Und man bekommt den Eindruck, dass hier ein Betrieb zwar pragmatisch und ohne Angst agiert, aber doch sehr ernsthaft mit der eigenen Verantwortung umgeht. Es gelte auf die Menschen „aufzupassen“, formuliert es Till, und zwar auf alle, die für ein Theater entscheidend sind: Ensemble, Gewerke, bald also auch Zuschauer. Hoffentlich.

Kurzarbeit hat das Thalia-Theater „gerettet“

Er sei „dankbar, dass wir konsequent geschlossen wurden“, sagt Joachim Lux. „Das war bitter, aber gut so.“ Die Klarheit und das von Lux und Till einhellig gelobte Instrument der Kurzarbeit habe das Theater „gerettet“ und den Raum für neues Denken und Planen ermöglicht.

Nun soll Grün, die Farbe der Hoffnung, die nächste Saison bestimmen. Auf dem Spielzeitprogramm – und als Setzlinge, die erst in der Gaußstraße ausgestellt und schließlich gepflanzt werden sollen. Ein Thalia-Wäldchen, ein kleiner „Traum vom Paradies“, noch so ein Kernbegriff der kommenden Spielzeit. „PARADIES – fluten/hungern/spielen“ heißt ein Projekt von Thomas Köck, inszeniert von Christopher Rüping, eine von fünf anstehenden Ur- und Erstaufführungen und übrigens ein Vorschlag des Ensembles. Mehr Gegenwart denn je bestimmt das Programm, in mancherlei Hinsicht. Auch wenn es „kein Corona-Spielplan“ sei, betont Lux. „Aber alles ist unter einem schärferen Brennglas.“

„Maß für Maß“ zum Beispiel, Shakespeare, neu übersetzt und bearbeitet von Thomas Melle, inszeniert von Stefan Pucher. Und: das erste Stück, das 1603 nach einer Pest-Epidemie und einer einjährigen Theaterschließung in London wieder aufgeführt wurde. Im Zentrum eine Regentin, die nur scheinbar von der Macht abtritt. Die Gegenwart spiegelt sich auch in den ältesten Texten.#

Frauenquote am Thalia-Theater besser als im Senat

„Die Frauenquote ist besser als im neuen Senat, 1:0 für uns“, stichelt Lux, allein fünf Frauen inszenieren am Großen Haus. Das war hier nicht immer so. Jette Steckel ist dabei, natürlich, sie startet sogar vor der ersten Premiere im Theater mit einem Abend, der nach außen weist, im doppelten Sinne: „Stories from Europe – Windows to the World“, ein Projekt des europäischen Theaternetzwerks mitos21.

Am 29. August wird es nach Sonnenuntergang zu den Theaterfenstern hinaus performt, kurze Monologe, die während des europaweit erlebten Lockdowns aus Interviews mit Menschen in „systemrelevanten“ Positionen entstanden. Im November beschäftigt sich Jette Steckel dann mit einer Figur, die Autoritäten hinterfragt wie kaum eine andere, die Menschenfreundlichkeit mit Unbekümmertheit paart und gerade erst ihren 75. Geburtstag feierte: „Pippi Langstrumpf“.

Acht Premieren sollen bis Silvester über die Bühne gehen, das ist ambitioniert. Leander Haußmann probt Molières „Der Geizige“ (Premiere am 12. September), Jan Bosse zeigt im Oktober das ausgefallene „Network“ nach dem Film von Paddy Chayevsky. Die internationalen Gastspiele fallen aus, dafür kommen Regisseure und Regisseurinnen aus aller Welt: Der Isländer Thorleifur Örn Anarsson inszeniert Ibsen, die Israelin Yael Ronen ein Projekt namens „State of Affairs“.

Hansens "Mittagsstunde" kommt im Februar auf die Bühne

Die Polin Ewelina Marciniak bringt im März „Die Jakobsbücher“ der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarcuk heraus, einem Buch, das „noch dicker als ,Brilka’ und eigentlich unspielbar“ sei, lächelt Chefdramaturgin Julia Lochte zufrieden. Mateja Koležnik, eine slowenische Regisseurin, inszeniert Tschechows „Drei Schwestern“.

Nah an der norddeutschen Heimat ist ein Romanstoff, den Anna-Sophie Mahler (die mit "Mittelreich" 2016 zum Theatertreffen geladen war) ins Dramatische überführt: „Mittagsstunde“, der Bestseller von Dörte Hansen feiert im Februar Uraufführung. Und noch zwei Bücher finden ihren Weg auf die Bühne: Nach „Vor dem Fest“ kommt nun auch Saša Stanišić’ großer Buchpreisgewinnerroman „Herkunft“ in der Gaußstraße heraus, Bastian Kraft bearbeitet dort außerdem Thomas Manns Novelle „Der Tod in Venedig“.

Der Vorverkauf hat begonnen, allerdings zunächst nur für Vorstellungen bis zum 13. September. Immer zwei Plätze werden dann, so ist der Stand heute, zwischen den Zuschauern frei bleiben. Wenn die „Opening Night“ in der Gaußstraße den Auftakt macht, wird es darin um das Hoffen und Bangen gehen, ob eine Theaterpremiere stattfinden kann. Davon handelt das Stück. Und eigentlich doch alles, in dieser Zeit, am Theater.

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