Fesselnde Lektüre

„Der Abstinent“: Ein Roman mit finsterem Herzen

| Lesedauer: 3 Minuten
Ian McGuire:  „Der Abstinent“, übersetzt von  Jan Schönherr, dtv, 335 Seiten, 23 Euro.

Ian McGuire: „Der Abstinent“, übersetzt von Jan Schönherr, dtv, 335 Seiten, 23 Euro.

Foto: dtv Verlagsgesellschaft

Ian McGuire beschreibt in seinem neuen Werk fulminant eine düstere Epoche. Die Iren wollen Rache und holen Stephen Doyle nach England.

Hamburg.  Wo begegnete einem der Begriff „Fenians“ das letzte Mal, vielleicht in „Peaky Blinders“, dem englischen Gangster-Serienhit? Kann schon sein. Obwohl es Thomas Shelby, der Pate aus Birmingham, in den 1920er-Jahren, in denen die Serie spielt, ja auch schon direkt mit der Irish Republican Army, der IRA, zu tun hat, die 1917 gegründet wurde, nicht mit deren Vorläufer.

Ian McGuires Roman „Der Abstinent“ spielt im Manchester des Jahres 1867. Die Fenian Brotherhood, der aktivistische Teil der irischen Unabhängigkeitsbewegung, war, das ist historisch verbürgt, auch im englischen Nordwesten aktiv. Einen tatsächlichen Vorfall macht der Brite McGuire („Nordwasser“) nun zum Ausgangspunkt seines düsteren Thrillers. Weil sie einen Polizisten erschossen, wurden am 23. November 1867 drei Fenians in Manchester gehängt.

Iren beordern Stephen Doyle nach Manchester

Im Roman wollen die Iren Rache, und deswegen beordern sie Stephen Doyle, der zwar in Amerika lebt und dort im Bürgerkrieg kämpfte, aber einer der Ihren ist, nach Manchester. Auge um Auge, Zahn um Zahn also; angesichts der Bedrohungslage bietet auch die Polizei, das aber eher unfreiwillig, einen Iren auf.

Zum archaischen Duell mit dem eiskalten Killer Doyle tritt James O’Connor an, ein trockener Trinker, der aus Dublin strafversetzt wurde. Er steht quasi zwischen den Fronten: Einerseits soll er Doyle aufspüren. Als Iren schlagen ihm aber Misstrauen und Verachtung entgegen. Dass O’Connor widerwillig seinen Neffen als Undercoveragenten bei den Fenians einschleust, ändert nichts an seiner prekären Lage.

„Der Abstinent“ ist eine fesselnde Lektüre

„Der Abstinent“ ist kein Krimi, aber, auch aufgrund seiner souveränen Kon­struktion, eine fesselnde Lektüre. Der Roman lebt von seinen Charakteren, auch denen in der zweiten Reihe: Solchen wie dem selbst unsauberen, vor allem aber naiven Neffen, der allzu forsch zu den Fenians geht, oder Rose Flanagan, der allein stehenden Frau mit unsicherer Zukunft, in die sich der strauchelnde Witwer O’Connor verliebt.

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„Der Abstinent“ versammelt ein Personal der Gefallenen und Geplagten, wie überhaupt das hier porträtierte Zeitalter eines der Entbehrung, Ärmlichkeit und Härte ist: McGuires Text ist auf Atmosphäre aus, und die schafft er vor allem, indem er die Lebensumstände des mittleren 19. Jahrhunderts möglichst realistisch ins Bild setzt. Die Brutalität des Romans äußert sich nicht allein in der Gewalt, die McGuire schildert, sondern auch in den durch die Zwänge der kleinen Leute und den Überlebenskampf hervorgerufenen Friktionen im sozialen Miteinander.

Ende von „Der Abstinent“ ein herber Schlag

Es braucht ein Scheusal wie Doyle, einen Mann, in dem nichts Gutes übrig geblieben ist, um die Verderbtheit der Welt dazustellen. Und einen verzweifelten Moralisten wie O’Connor, um ein Gegengewicht zu installieren. Von ihren Positionen werden die Antagonisten irgendwann abgezogen, und so treffen sie sich zum Finale in Nordamerika. Das Ende des Romans ist noch einmal ein herber Schlag: „Der Abstinent“ zielt genau ins Herz der Finsternis.

( tha )

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