Neues Buch

Pubertät: Was Comedian und Pädagoge Jung Eltern rät

Immer gegen alles sein: Pubertierende sind nur schwer zu ertragen.

Immer gegen alles sein: Pubertierende sind nur schwer zu ertragen.

Foto: imago stock / imago/blickwinkel

„Dein Ernst, Mama?!“ heißt das Buch für Eltern von Matthias Jung. Darin gibt er Tipps und empfiehlt: „Nichts persönlich nehmen!“

Hamburg. Türen knallen, zickiger Tonfall, die Verschmelzung mit dem Smartphone und peinliche Eltern: Wer Kinder in der Pubertät hat, kennt diese und weitere Unannehmlichkeiten, die mit dem Teen­agerdasein in das Familienleben ziehen. Im Alltag sind Diskussionen über Schule, Pünktlichkeit, unaufgeräumte Zimmer und der Mediendauerkonsum alles andere als lustig. In seinem neuen Buch „Dein Ernst, Mama?! So peinlich kommen wir nicht mehr zusammen – das Pubertätsbuch für Eltern“ zeigt Comedian und Diplom-Pädagoge Matthias Jung aber auf lustige Weise, dass diese Jahre kein Grund zum Verzweifeln sind. Dass diese Zeit mit Humor und viel Gelassenheit sogar einigermaßen entspannt vorübergehen kann. Was tun, wenn das Kind in der Pubertät ist?

Ganz einfach: gechillt bleiben, schreibt Matthias Jung. Ruhe bewahren, gelassen bleiben. Wie ein Mantra müssten Eltern pubertierender Kinder sich das eigentlich ständig leise vorsagen. Und ganz wichtig: „Man darf das alles nicht persönlich nehmen“, sagt Jung. Wenn die Kinder einen wütend machen und man nur schreien möchte, empfiehlt der zweifache Vater: „Deutlich machen, wenn der erste Streit verraucht ist, dass man verbale Verletzungen und Beleidigungen nicht duldet.“

Teenager rebellieren nur auf geliebten Terrain

Egal, wie sehr die Kinder einen aufregen: „Bloß nichts persönlich nehmen. Man darf sich auch in solchen Situationen geliebt fühlen“, sagt Jung. „Deine Kinder hassen niemals dich als Persönlichkeit, sondern deine Macht, ihre Pläne zu durchkreuzen.“ Teenager reiben sich und rebellieren nur, wenn sie sich auf sicherem geliebten Terrain befinden. Sonst würden sie sich das nicht trauen. Sie machen es nur bei einer intakten Bindung.

Stoff für sein Buch hat Matthias Jung auch von den Lesungen aus seinem ersten Buch „Chill mal!“. „Der witzigste Teil der Lesungen ist der Teil danach, wenn wir zusammensitzen und die Eltern mir ihre Erlebnisse schildern.“ Seine eigenen Kinder sind mit acht und zwei Jahren noch weit entfernt von der Pubertät, die allerdings inzwischen immer früher einsetzt. „Das hat mit dem Gewicht und unserer Ernährung zu tun. Im Mittelalter waren die Menschen zu dünn, da war erst später an Schwangerschaften zu denken“, sagt Jung.

Ist das Kind dann in der Pubertät, so scheint der Tenor von Matthias Jung zu sein, können Eltern ohnehin nicht mehr viel ausrichten. Die Erziehung ist dann längst gelaufen. Und mit Druck und Verboten käme man bei Teenagern auch nicht weit.

Schreiduelle sind keine Lösung

Also wirklich alles mit Humor nehmen? Zumindest bei den meisten Themen scheint das eine Lösung zu sein. Jung: „Es gibt in der Pubertät wenig schlimme und ernste Themen, sondern vor allem nervige und ärgerliche Themen, wie das Zimmer aufräumen. Da gehe ich entspannter heran. Wir haben oft andere oder zu hohe Erwartungen an unsere Teenager. Wir engen sie ein, kontrollieren viele Dinge, anstatt mal Freiräume zu geben.“ Pubertät, schreibt er, sei auch eine Frage des Aushaltens.

Schreiduelle seien jedenfalls keine Lösung. Auch wenn es nervig ist: Rebellion heißt Abnabelung. „Und die sollten Sie unbedingt zulassen, sonst lernen die Bälger nicht, auf eigenen Füßen zu stehen“, schreibt Jung. Nicht vergessen dabei: Liebevoll, aber bestimmt bleiben und eine klare Haltung präsentieren. Der Expertentipp: „Wenige Regeln ausmachen, aber die stehen dann.“

Sein Buch zeigt betroffenen Eltern, dass sie nicht allein sind. „Das ist eine wertvolle Erkenntnis, denn oft fühlen wir uns so“, schreibt Jung und gibt immer wieder Tipps für konkrete Alltags­situationen, bei denen es auf schnelle Hilfe ankommt.


Wenn Hilfe im Haushalt nicht funktioniert:
„Von Putzplänen bin ich kein Fan. Die Weichen müssen vor der Pubertät gestellt sein“, schreibt Jung. Teenager seien eher mit anderen Dingen beschäftigt: Hormone, Party, Styling, Klamotten, Hormone in Klamotten. „Haushalt steht leider nicht auf dieser Liste.“ Matthias Jung ist da ganz pragmatisch: „Haushalt sollten wir nicht eskalieren lassen. Irgendwann muss jede und jeder einen Haushalt führen.“


Wecken und aufstehen:
„Kennt ihr das Teenager-Echo? Das ist anders als das Alpen-Echo. Ständig muss ich zur Eile mahnen: Bist du so weit? Kommst du? Und stets antwortet das Echo dann: Gleeeeich!“ Wie gesagt, Erziehung findet vor der Pubertät statt. Jungs Tipp: „Bleiben Sie bei Ihrer Zuschauerrolle. Wir regen uns nicht auf.“


Mit Jogginghose zur Schule:
Das Pro­blem erübrigt sich, wenn Jogginghosen an den Schulen verboten sind. In allen anderen Fällen: „Lassen wir die Jugend­lichen einfach machen. Die Stylingvorbilder ändern sich unter Umständen so schnell, dass wir Eltern verwirrt zurückbleiben“, so Jungs Ratschlag. Mit dem Styling probieren sie ihre Persönlichkeit aus.


Ausgehen bis spät in die Nacht:
Matthias Jung denkt, dass es ab etwa 16 Jahren möglich ist, Jugendliche frei entscheiden zu lassen, wann sie nach Hause kommen. Vorausgesetzt, gewisse Informationen liegen vor. Wo ist das Kind, wie lange und mit wem? Per Handy könne man sich ja über spontane Ortswechsel informieren lassen. Grundsätzlich gilt für das Ausgehen das Jugendschutzgesetz: Jugendlichen ist es nicht erlaubt, sich ab 24 Uhr in Gaststätten aufzuhalten. Auch hier gilt wie bei allen Problemen: Den Teenager ernst nehmen und eine Zeit aushandeln. „Den Teenager wieder ins Boot zu holen ist schlau, weil er schlecht gegen etwas aufbegehren kann, das er selbst verhandelt hat.“ Kluge Eltern, so sein Rat, bestehen ohnehin nicht auf Pünktlichkeit.


Alkohol:
Laut Gesetz dürfen Jugendliche unter 16 Jahren ohne Begleitung oder Aufsicht keinen Alkohol trinken. „Wie auch immer“, sagt Jung dazu, „da ihr Belohnungszentrum während der pubertären Umbauarbeiten ihres Gehirns schwächelt, brauchen sie mehr Wumms, um Glücksgefühle zu erleben.“ Schwieriges Thema. „Aber gegen das neugierige Verhalten von Teenagern sind wir grundsätzlich machtlos.“ Bester Weg: „Reden, Erfahrungen schildern und auf Ehrlichkeit hoffen.“


Medienkonsum:
„Wegzaubern lassen sich Smartphones nicht, sie gehören zum Leben dazu. Nur bestimmen sollten sie es nicht“, schreibt Jung. Sein Rat: die Nutzungsdauer unter der Woche zu beschränken. „Ab 21 Uhr ist Feierabend.“ Anders sieht das bei Jugendlichen ab 15 Jahren aus: „Unsere Kinder müssen selbst lernen, wenn sie abends zu lange gezockt oder Instagram leer gecheckt haben, dass sie morgens nicht richtig aus dem Bett kommen.“ Etwa sieben Prozent der Teenager sind allerdings tatsächlich süchtig nach Computerspielen und Handys. „Dann sollte man keine Scheu haben und sich unbedingt psychologische Hilfe holen.“


Schule:
Teenager haben während der Pubertät, also so um die achte Klasse herum, andere Sachen im Kopf als Schule. Matthias Jung sieht das locker: „Das Thema Schule nimmt zu viel Platz ein.“ Von Strafen, wenn es in der Schule nicht läuft, hält er gar nichts. Einzige Möglichkeit in dieser Zeit: „Wir müssen im Gespräch bleiben und sollten ihnen unbedingt vermitteln, dass es letztlich nur an ihnen selbst liegt, dass sie die Schule selbstverantwortlich anzugehen haben.“ Denn sie sind alt genug, sich selbst zu kümmern. In kleinen Schritten denken: „Schon die Bereitschaft zum Lernen ist zu loben“, so Jung. Niemand verbaue sich schließlich die Zukunft, nur weil er schlechte Noten habe.


Selbstvertrauen:
75 Prozent der Teenagermädchen leiden unter Selbstzweifeln. Wichtig: Teenager-Probleme nicht belächeln: Ernst nehmen, Verständnis aufbringen, Zeit fürs Zuhören nehmen und weiterhin viel loben.


Erste Liebe:
„Bei diesem Thema müssen wir besonders geduldig sein: Wir haben aufgeklärt, wir haben informiert. Das ist das, was wir leisten konnten. Mehr können wir nicht tun“, schreibt Jung. Wie immer empfiehlt er: entspannt bleiben. Und die erste Liebe bedeutet nicht immer gleich Sex. Bei Bedenken wegen der Partnerwahl: „Äußere sie ruhig, aber ohne Druck und ohne Forderungen“, so sein Tipp.


Fazit:
„Bei der Pubertät gehört zurückziehen dazu, aber nach ein bis zwei Jahren tauchen unsere Kinder wieder auf“, sagt Matthias Jung. Er selbst habe jahrelang Super Nintendo in seinem Zimmer gespielt und „Die drei Fragezeichen“ gehört. „Das war gigantisch“, erinnert er sich. Und dennoch ist etwas aus ihm geworden. Und was ist, wenn sein Sohn (jetzt 8) und seine Tochter (2) in die Pubertät kommen? Hat er Sorge? „Ich werde nicht drumrumkommen und werde auch vieles falsch machen.“

Anlaufstellen für Eltern mit Kindern in der Pubertät: Ansprechpartner sind z. B. die Erziehungs-, Familien- und Jugendberatungen der Wohlfahrtsverbände, zum Beispiel die Arbeiterwohlfahrt (Tel. 414 02 30) und die Caritas (Tel. 18 99 20 47). Familien finden bei den Erziehungsberatungsstellen der Bezirksämter Hilfe: www.hamburg.de.
Bei Suchtproblemen hilft die Kinder- und Jugendpsychiatrie am UKE (Tel. 741 05 22 30).