Pinneberg
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Mobbing: Zwei von drei Schülern sind betroffen

Ein Schüler drückt einen anderen zu Boden (Symbolbild).

Ein Schüler drückt einen anderen zu Boden (Symbolbild).

Foto: Oliver Berg / picture alliance / Oliver Berg/dpa

Insbesondere die Zahl der Mobbingfälle in sozialen Netzwerken im Internet steigt stark an. Was Experten den Opfern von Mobbing jetzt raten.

Pinneberg.  Es passiert täglich. Auf dem Schulhof, bei der Arbeit und immer öfter: in sozialen Netzwerken des Internets. Menschen werden ausgegrenzt, beleidigt, diffamiert. Laut einer Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing waren zwei von drei Befragten bereits Opfer von Mobbing.

Der Kreis Pinneberg ist da keine Ausnahme. Eine genaue Zahl der Fälle liegt laut Kreissprecher Oliver Carstens nicht vor, aber „trotz aller Präventionsarbeit lassen sich auch hier Taten nicht komplett verhindern“. Vor allem in Schulen ist Mobbing ein weit verbreitetes Problem. Im Kreis wurden laut Carstens bereits mehrfach Schulverweise ausgesprochen oder Strafanzeigen gestellt. Eine steigende Tendenz verzeichnet das Cybermobbing im Internet.

Der Einfluss sozialer Netzwerke ist groß, sagt Carstens. Den Tätern gelinge es schnell und ohne Mühe, andere zu diffamieren und dabei auch noch ein großes „Publikum“ zu erreichen. „Eine Prügelei auf dem Schulhof ist ein Prozess, den man beobachten kann“, sagt Schulrat Dirk Janssen. „Wenn aber in sozialen Netzwerken im Internet Mitschüler bloßgestellt und beleidigt werden, geschieht dies außerhalb des Sichtfelds der Lehrer. Für die Arbeit an Schulen ist das eine große Herausforderung.“

Nicht grundlos steht der diesjährige Anti-Mobbing-Tag am 2. Dezember unter dem Motto: „Respekt! Fairness! Vielfalt!“. Seit 2010 setzen sich immer mehr Schüler des Kreises bei Aktionen gegen Mobbing ein und kämpfen für einen respektvollen Umgang miteinander. Ein Plakatwettbewerb soll auch in diesem Jahr ein ausdrucksstarkes Zeichen setzen.

Besonders in den Klassenstufen sechs und sieben spielt Mobbing eine große Rolle. „Das Alter der Schüler ist geprägt durch die anfangende Pubertät“, sagt Tobias Annen, Leiter des Vereins Jugendhilfe und Soziales Pinneberg. Konflikte und Auseinandersetzungen stehen auf der Tagesordnung. 80 Prozent der Mobbing-Fälle, so schätzen Experten, finden in Klassenzimmern oder auf Schulhöfen statt.

Schulrat stellt „mangelhafte Sozialkompetenz“ fest

Carsten Wegner, Präventionslehrer bei der Polizeidirektion Bad Segeberg, sei manchmal entsetzt über die Art des Mobbings: „Manche Schüler machen sich gar keine Gedanken mehr darum, was sie sagen. Da wird gemobbt ohne Ende – ohne Rücksicht auf Verluste.“ Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, dass bundesweit 500.000 Kinder täglich gemobbt werden – im Netz und in der Schule.

Über die Gründe lässt sich nur spekulieren, Schulrat Janssen sieht aber ein Hauptproblem in der mangelhaften Sozialkompetenz, die das Internetzeitalter mit sich bringt: „Kinder, die an die Schule kommen, kommen häufig auch mit vielen Problemen zu uns. Sie sind oft sehr verunsichert.“ Immer mehr Schüler hätten etwa nicht gelernt, in Gruppen zu kommunizieren oder Konflikte zu lösen. Dabei, sagt Experte Tobias Annen, betrifft Mobbing alle Schulformen. An Gymnasien werde subtiler als an Gemeinschaftsschulen gemobbt.

Immerhin: „In den vergangenen Jahren ist das Bewusstsein für Mobbing gestiegen“, sagt Tobias Annen. Seit 1974 setzt sich sein Pinneberger Verein für Kinder, Jugendliche und Familien in Not ein, allein 2018 Jahr war er mit 113 Projekten in unterschiedlichen Schulen im Kreis aktiv. „An den Schulen wollen wir die Klassengemeinschaft stärken und Präventionsarbeit leisten“, sagt Annen.

Auch der Kreis Pinneberg rückt das Thema in den Fokus. Neben dem Anti-Mobbing-Tag im Dezember gibt es schon im November die Veranstaltungsreihe „Gewalt im System Schule“. Mit Schülern und Lehrern sollen Lösungsansätze für Konflikte erarbeitet und zusammengetragen werden. „Der Umgang mit Mobbing ist kein Tabuthema mehr“ so Kreissprecher Carstens. Gleichwohl sei zu beachten, dass nicht jede unbedachte Äußerung im WhatsApp-Klassenchat gleich ein Mobbingfall sei. Die Grenze zu ziehen falle nicht immer leicht.

Für Betroffene ist es weder bei Konflikten noch bei ernsthaften Mobbingfällen einfach, Hilfe bei anderen zu suchen. „Das Allerwichtigste“, sagt Carstens, sei dennoch, „Bescheid zu sagen, sich zu melden, jemanden anzusprechen – so einfach es auch klingt“. Denn Eltern, Lehrer, Mitschüler, Schulsozialarbeiter und der Kreis könnten den Betroffenen nur helfen, wenn sie von dem Problem erfahren. Erste Ansprechpartner sollten dabei Eltern und Lehrer sein, so Tobias Annen.

Der Schlüssel zu einem erfolgreichen Umgang mit Gewalt an Schulen liege aber in der Prävention und Kooperation, sagt Schulrat Dirk Janssen. „In vorbeugenden Maßnahmen, die verhindern sollen, dass psychische und physische Gewalt überhaupt erst entsteht.“ Das sei der einzige Ansatz, der dauerhaften Erfolg verspricht. „Wir haben hier ein gutes Netzwerk aufgebaut“, sagt Oliver Carstens und verweist auf das im Jahr 2008 entwickelte Präventionskonzept des Kreises.

Jede Schule habe inzwischen einen Präventionskoordinator, als Ansprechpartner für Lehrer. Außerdem arbeitet der Kreis mit dem Wendepunkt Elmshorn, dem Verein für Jugendhilfe und Soziales Pinneberg und der Awo Schleswig-Holstein zusammen. Fortbildungen für Lehrer sind dabei genauso vorgesehen wie Angebote für Schüler, um die Lebens- und Sozialkompetenz zu stärken.

Für Betroffene gebe es zudem sogenannte „Stand-up-Trainings“. Dort soll Erlebtes verarbeitet und das Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein wiederhergestellt werden. Dabei kommen schauspielerische Elemente zum Einsatz. Das Wichtigste sei jedoch: reden, insbesondere in geschützten Gruppen. „Betroffene sollen sehen, dass sie nicht allein mit dem Thema sind und es noch viele weitere Fälle gibt“, sagt Experte Tobias Annen.

Die Trainings in Tornesch oder Elmshorn dauern zwischen zehn und zwölf Wochen. Eine Erfolgsgarantie gebe es allerdings nicht. Denn: „Manche Opfer geraten immer wieder in den Fokus von Tätern“, so Annen. In jedem Fall sei der Bedarf vorhanden, betont er. Das belegt auch die letzte Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing. Demnach hat sich die Zahl der Mobbingfälle zwischen 2014 und 2019 um 6,4 Prozent erhöht, die Fälle beim Cybermobbing sogar um 13,6 Prozent.