"Blackbird"

Matthias Brandt schreibt im Sven-Regener-Sound

Matthias Brandt,
Schauspieler und
nun also auch
Schriftsteller.

Matthias Brandt, Schauspieler und nun also auch Schriftsteller.

Foto: dpa

„Blackbird“ ist das Romandebüt des Schauspielers: Ein komisches Buch über Nogger, den Tod und das Erwachsenwerden.

Hamburg.  Motte? Motte! So heißt der Held dieses Romans, und es ist ein Ehrenname. Weil Morten Schumacher nämlich erst 15 Jahre alt ist, und mit 15 darf man Motte heißen. Aber was heißt „erst 15“. 15 ist alt genug, um für die prägenden Erfahrungen nicht mehr zu jung zu sein. Für Motte ist es eine Zeit, in der alles plötzlich so unsagbar ernst wird. In der sein Gefühlsapparat neu justiert wird. Die alte Ordnung ist gesprengt worden von den Explosionen des Herzens. Die Eltern trennen sich. Der beste Freund ist todkrank. Jacqueline Schmiedebach tritt auf.

Aber kurze Zeit später wieder ab. Sie knutscht nämlich beim ersten Date fremd. Wirklich buchstäblich: währenddessen. Matthias Brandt, der Autor dieses herrlichen Entwicklungsromans „Blackbird“, in dem Motte und die anderen hier genannten Figuren auftreten, meint es nicht immer gut mit seinem jungen Helden. Aber wie gesagt: herrlicher Roman. Das sei gerne wiederholt, denn was Schauspieler und ihre Schreibversuche angeht, wurde die Lesegemeinde unlängst wieder auf den harten Boden der tristen Realität geholt. aber Brandt („Polizeiruf 110“, „Babylon Berlin“) ist nicht Axel Milberg, das hatte er mit seinem Debüt, einem Erzählband, hinlänglich bewiesen. Auch wenn der nicht gar so gut war, wie ihn viele machten.

Nun also der erste Roman. Im „Tschick“-Modus geschrieben, manchmal auch im Regener-Sound – das ist jetzt nicht die ganz hohe Originalitätsstufe. Aber man muss das können: Die Empfindungen eines Jugendlichen treffen, der zum ersten Mal Dinge erlebt, die später, bei uns erwachsenen Lesern, eine längst verloren gegangene Aura der Kostbarkeit in Erinnerung rufen.

Schwierige Aufgabe

Bogi ist auch so ein Spitzname wie Motte. Bogi heißt eigentlich Manfred, aber es gibt in der Schule von Motte und Bogi Schüler, die denken, der berühmte Schauspieler Bogart habe den Vornamen Manfred getragen und nicht Humphrey. Auf Schulhöfen lacht man sich über derlei kaputt, und man verpasst einem Manfred anschließend den Rufnamen Bogi. Was ebendiesen Bogi angeht, ist der reine Spaß aber eben bald vorbei. Der Teenager erkrankt an Lymphdrüsenkrebs. Eine Prüfung auch für den Ich-Erzähler Motte, der ohnehin schon vor die schwierige Aufgabe gestellt ist, seine Kindheit, hinter sich zu lassen. Davon handelt dieses Buch, dessen Handlung in den Siebzigerjahren angesiedelt ist.

Brandt gelingen bei seiner Version der Jugendgeschichte für Erwachsene einige wirklich schöne Passagen, die in den einfachen Worten eines jungen Menschen dem Thema Adoleszenz eine literarische Gestalt geben. Was ist in der Pubertät also plötzlich anders? Das Eindeutige wird mehrdeutig. Was einmal einfach war mit den Emotionen, ist mit einem Male kompliziert. Gefühle äußern sich jetzt anders, alles existiert neben­einander, Freude und Traurigkeit. Damit muss Motte, der mit Bogi nicht mehr zum Plattenkaufen geht, sondern ihn im Krankenhaus besucht, klarkommen: „Wahrscheinlich gibt es für die wirklich wichtigen Dinge, die man fühlt, keine Worte. Jedenfalls nicht die richtigen. Man tut eigentlich immer nur so, als ob. Weil man sich alles zurechtquatschen muss. Damit die Welt nicht stehen bleibt und es irgendwie weitergeht.“

Motte ist zum ersten Mal verliebt

Bogi kämpft um sein Leben, und Motte ist zum ersten Mal verliebt: Schwierig, das unter einen Hut zu bringen. Manche der Szenen in diesem Buch sind großartig geschildert. Es behandelt neben der Liebe auch die anderen juve­nilen Großthemen Freundschaft und Schule so, dass man ihnen maximale Wiedererkennbarkeit attestieren darf. Auch dann, wenn man die geschilderten Dinge nie selbst erlebt hat. Allein deswegen, weil man in einer anderen Zeit aufwuchs.

„Blackbird“ ist zugleich komisch und traurig. Dass man bei der Lektüre dieses klassischen Entwicklungsromanstoffs, der den Helden innerlich verwandelt, ohne dass er ein komplett anderer wird, oft lächelt, liegt an der Altklugheit Mottes. Ohne diese Charaktereigenschaft würde das Vorhaben Brandts, der Bittersüße der Jugend eine gewisse Leichtigkeit zu geben, nicht funktionieren. Wie fühlt man mit, als Motte im Kino gewärtigen muss („Ich schaute erst mal wieder zur Leinwand. Als ob ich dem Augenblick die Gelegenheit geben wollte, seinen Fehler zu korrigieren“), dass sich die fesche Jacqueline von dem englischen Austauschschüler ablecken lässt!

Sentimentaler Roman

Es gibt keine größere Nostalgie als die, die beim Erinnern an die Jugend zutage tritt. Deswegen hat Matthias Brandt einen zutiefst sentimentalen Roman geschrieben. Mit Langspielplatten, einer SPD in der Blüte ihrer Wirkmacht, den Talking Heads und Altnazi-Lehrern trägt der Roman das Gepräge der Zeit, in der er spielt. Es taucht sogar wieder das berühmte Nogger-Eis auf, das unlängst in Axel Milbergs missratenem Debüt „Düsternbrook“ eine Rolle spielte.

Der Roman hat in mancherlei Hinsicht Drehbuch-Charakter. Das spricht nicht gegen ihn, sondern verrät die erste Profession Matthias Brandts, der der Handlung von „Blackbird“ eine saftige Dramaturgie verpasst hat. Im eigentlichen Finale sitzt Motte rotzebesoffen auf dem Zehnmeterturm des nächtlichen Freibads, und später muss ihn der Bademeister, ein Elvis-Imitator, aus dem Wasser fischen. So geht Unterhaltung.