Literaturhaus Hamburg

In Katharina Hagenas neuem Buch vergeht nur eine Stunde

Die Schriftstellerin Katharina Hagena in Lühmanns bezaubernd nostalgischer
Teestube in Blankenese

Die Schriftstellerin Katharina Hagena in Lühmanns bezaubernd nostalgischer Teestube in Blankenese

Foto: Roland Magunia / HA

Bestseller-Autorin liest aus neuem Roman. Ausgangspunkt der spannenden Geschichten ist dabei etwas eher Langweiliges.

Hamburg.  Zwischen kleinen Naturwundern und großen Menschheitsfragen webt die Schriftstellerin Katharina Hagena (48) ihre Welt. Gleich mit ihrem ersten Roman „Der Geschmack von Apfelkernen“ war ihr 2008 ein Bestseller geglückt, den sie geschrieben hatte mit dem Vorsatz: „Wenn’s nix wird, dann denke ich wenigstens nicht mehr, ich sei in Wirklichkeit eine verzauberte Prinzessin. Dann bleibe ich eben ein überzeugter Schweinehirt und werde vielleicht glücklich.“ Es wurde aber ein Erfolg, der sie zwar „nicht verändert“ hat, ihr aber „mehr Vertrauen“ gab, wie sie beim Interview erzählt. Nun hat sie ihr drittes Buch mit dem poetischen Titel „Das Geräusch des Lichts“ veröffentlicht, der letzte Teil einer „Trilogie des Vergessens“. Fünf einzelne Geschichten verknüpft sie darin auf rätselhafte Weise. In jeder geht es um den Verlust eines Menschen, um Fährten, Ähnlichkeiten und das Trügerische von Erinnerungen.

Ausgangspunkt dieser zwischen Wirklichkeit und Fiktion schwebenden, detektivisch spannenden Geschichten ist etwas eher Langweiliges: ein Wartezimmer, das Hagena als „Zwischenreich“ bezeichnet. Letzten Endes könne man das ganze Leben im Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit als Warten bezeichnen, und im Zustand des Wartens „können sich tiefe Erkenntnisse auftun“ – eine große Metapher. Von diesem Wartezimmer aus nimmt also jede einzelne Geschichte ihren Anfang. Hauptfigur ist jeweils eine der Personen, die auf den Arztbesuch warten, Motive und Schauplätze der einzelnen Geschichten werden immer wieder aufgenommen, es entsteht ein faszinierendes Vexierspiel mit Krimi-Elementen.

James Joyce schrieb mit seinem Roman „Ulysses“ 1000 Seiten über einen einzigen Tag. Die Anglistin und Hochschul-Dozentin Katharina Hagena hat über das Werk promoviert und bereitet momentan wieder ein „Ulysses“-Projekt vor – das Thema Zeit lässt sie folglich nicht los. „Holzwurmarbeit“ sagt sie lachend dazu und schaut spitzbübisch über den Tassenrand. Auch ihr neues Buch ist, ebenso wie ihre beiden vorigen, „ein Roman über die Zeit. Nur eine Stunde vergeht in meinem Buch. Aber innerhalb der einzelnen Geschichten verrinnt viel mehr Zeit, und daraus entsteht Spannung. Das wollte ich schreibend erforschen.“

Romantische Züge durchziehen ihre Geschichten wie ein untergründiges Murmeln. Die Moosforscherin Daphne zum Beispiel, ihre erste Hauptfigur, liebte es schon als Kind, allein in den Wald zu fliehen, wenn ihre Eltern sich wieder mal stritten. Dort kauernd, betrachtete sie das Moos auf einem großen Stein, das „wie junge Bäumchen“ aus den Hügeln ragte.

„Zwerglungenmoos und Trompetenmoos. Damit fing es an“, schreibt Hagena und genießt die Fülle an erzählenden Worten für eine Artenvielfalt, die kaum jemand kennt: „Ein Zwerg, der sich verirrt hat, Koboldmoos, Kapuzenmoos, Klauenmoos, er bläst aus voller Lunge auf einer Trompete, um Hilfe herbeizuholen, weckt dabei einen Kobold, der unter einem Kapuzenmantel seine gefährlichen Klauen verbirgt. (...) Weißmoos, Schwanenhalsmoos, Sternmoos, daraufhin ertönt ein Rauschen in der Luft, etwas Weißes fliegt herbei, ein Schwan, schnell klettert der Zwerg auf seinen Rücken ...“

Was für wundersame Worte die Botanik doch zu bieten hat!

Die Schauplätze hat sie selbst bereist

„Magischer Realismus“ sagt Katharina Hagena dazu, und nippt an ihrem Tee. „Er hat sehr viel mehr mit Realität als mit Magie zu tun. Man muss nur genau genug hingucken, und die Welt fängt an zu singen!“ Das hat die Schriftstellerin, die mit Mann und zwei Kindern in Blankenese lebt und selbst in einem Chor singt, schon immer gern getan. Auch als sie als Mädchen durch den nahen Spargelacker stapfte oder die Ferien allein im großelterlichen Landhaus mit Garten verbrachte. Damals begann sie, sich Dinge auszudenken. Ihren ersten Fantasy-Roman schrieb sie mit 16, schaurig, wie sie heute findet.

Katharina Hagena liest vorzugsweise auf Englisch, ihre Heldinnen sind Toni Morrison und Virginia Woolf, zur Zeit liest sie Julian Barnes und Anne Tyler. „Aber ich liebe die deutsche Sprache, lese viel deutsche Lyrik, gerade erst wieder ,Doktor Faustus‘ und ,Die Elixiere des Teufels‘ von E.T.A. Hoffmann.“ Schreiben gelingt ihr am besten, wenn die Kinder in der Schule sind, „morgens, wenn das Leben noch eine schöne, unberührte Fläche ist, dann ist es viel einfacher als wenn schon alles durchgetreten ist.“

In einer zweiten Geschichte im Buch wagt Hagena große, eisig schöne Bilder von einer Frau, die durch ein Loch unter einen zugefrorenen See klettert und eine weiße Welt entdeckt, „mit Kreaturen darin, die kein Auge jemals sah.

Fortan wandert sie jeden Tag durch die leere Eishöhle, der ganze See liegt schwer über ihr. Sie nimmt sich Werkzeug mit und meißelt sich von unten her Fische aus dem Eis, die sie später oben brät und isst. Eines Tages hört sie Klänge, nicht unbedingt Musik, aber dennoch betörend ...“

Die unterschiedlichen Schauplätze hat sie selbst bereist, auch die kanadische Eiswüste, in der die Ölgesellschaften furchtbare Umweltschäden anrichten. Im Krimi-Teil ihres Buches prangert sie diese mit großer Härte an.

Etwas von jenem magischen Weltempfinden leuchtet in jeder ihrer Geschichten auf, in der die Figuren dem Verschwinden eines Menschen nachspüren und sich entweder auf die Suche nach ihm machen oder versuchen, mit dem Verlust fertig zu werden. Es sind furchtlose Frauen, traurige Männer, und auch ein sehr mutiger Junge namens Richard ist darunter.

Seine Mutter und seine Schwester sind tot, er versucht, kraft seiner Fantasie, damit fertig zu werden und muss sich außerdem um den ständig weinenden Vater kümmern. Diese Geschichte voller Magie ist die längste von allen. Sie schildert, wie die grenzenlose Fantasie eines Kindes den Sieg davontragen kann über Verzweiflung und Traurigkeit.

„Das Geräusch des Lichts“ von Katharina Hagena erscheint am 8. September.
Lesung Di, 6.9., 19.30 Literaturhaus (Bus 6) Schwanenwik 38. Eintritt 10,- (erm. 6,-)