Debüt-Roman

„Hippiesommer“: Burn-out statt Flower-Power

Inge Kutter:
„Hippiesommer“.
Arche Verlag, 204
Seiten, 18,99 Euro

Inge Kutter: „Hippiesommer“. Arche Verlag, 204 Seiten, 18,99 Euro

Foto: Arche Verlag

Der Roman „Hippiesommer“ der Hamburger Autorin Inge Kutter ist trotz des vordergründig schwermütigen Themas ein locker lesbares Debüt.

Hamburg.  Stöbern Autorinnen dieser Tage besonders gern auf den Dachböden ihrer Eltern und lassen sich so zu neuen Geschichten anregen? Die Vermutung liegt nahe: „Das Kleid meiner Mutter“ heißt ein Roman von Anna Katharina Hahn, Anfang März erschienen bei Suhrkamp, in dem eine Tochter sich mit dem Kleidungsstück auch die Identität der Mutter erobert. Nun ist ein zweites Buch herausgekommen, bei Arche, das problemlos denselben Titel tragen könnte. Wieder wird ein abgelegtes Kleidungsstück zum Ausgangspunkt für die Suche nach dem Ich. Dass dieser Roman trotzdem ganz anders heißt, ist vermutlich dem beschwingten Sound des tatsächlichen Titels gedankt: „Hippiesommer“ ist das Debüt der Hamburger Autorin Inge Kutter.

Für eine Schulaufführung des Musicals „Hair“ will Elena darin ein lilafarbenes Flatterkleid ihrer Mutter tragen. Es fasziniert sie und lässt sie detailreich darüber fantasieren, wie sich die Eltern kennengelernt haben, in diesem Hippiesommer vor vielen Jahren. Dass Mädchen Elena aber ist inzwischen selbst eine erwachsene Frau – und weiter weg vom esoterischen Lebenswandel der Mutter oder den eigenen Bühnenambitionen als Heranwachsende könnte sie gar nicht sein. Elena hat Karriere gemacht, sie arbeitet für eine Unternehmensberatung und würde auch zu Heiligabend noch eifrig Mails verschicken, wenn ihr nicht der eigene Zusammenbruch dazwischenkommen würde. Burn-out. Elena ist gezwungen, sich in einer Klinik mit solide verdrängten Ereignissen aus der Vergangenheit auseinanderzusetzen. „Verwundert hörte ich mir zu“, heißt es an einer Stelle. Ein symptomatischer Zustand für die dauerreflektierende Protagonistin.

Inge Kutter, die als Journalistin über Psychologie und Karriere geschrieben hat (also ziemlich genau weiß, wovon sie hier erzählt) und seit 2015 Chefredakteurin des „Zeit“-Kindermagazins „Leo“ ist, hat als Jurymitglied für den Klaus-Michael-Kühne-Preis des HarbourFront Literaturfestivals eine Menge Debütromane gelesen. Nun war es an der Zeit für den ersten eigenen. „Hippiesommer“ ist mit nur knapp über 200 Seiten keine ausufernde Familiengeschichte, nicht das ganz große Generationenporträt geworden, aber stilistisch durchaus ambitioniert. Kutter springt in ihrer Erzählperspektive zwischen Ich-Form und dritter Person, schon im zweiten Absatz ahnt der Leser, dass es sich trotzdem um die Geschichte derselben Figur handelt: „..., ich sehe Elenas Gesicht, wie es damals aus dem Spiegel blickte.“ Verschiedene Schrifttypen sortieren die Ebenen zusätzlich.

Kutters Roman ist eine lebensnahe Geschichte über Selbstfindung, Abgrenzung und Annäherung sowie ein treffender Blick in bisweilen absurde Arbeitsrealitäten der Gegenwart. „Hippiesommer“ liest sich trotz des vordergründig schwermütigen Befindlichkeitsthemas luftig und spielerisch; es gelingt der Autorin ausgesprochen gut, Stimmungen einzufangen, Atmosphäre herzustellen und dabei trotzdem eine feine Beiläufigkeit zu erhalten.

Wer weiß, vielleicht schafft es Inge Kutter, die bereits am zweiten Roman arbeitet, ja in diesem Jahr selbst auf die Nominierungsliste des Klaus-Michael-Kühne-Preises.

Inge Kutter liest am 31.3., 19.30 Uhr in der Buchhandlung Stories! Straßenbahnring 17, Eintritt 5 Euro