Ausstellung Hamburg

Eine Alpenfreundschaft? Was Hamburg mit Tirol verbindet

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Im MARKK wird eine besondere Beziehung beleuchtet.

Im MARKK wird eine besondere Beziehung beleuchtet.

Foto: picture alliance / PublicAd | Stefan Hoyer

Im MARKK spürt eine Ausstellung Sehnsüchten und volkstümlichen Bräuchen nach, entlarvt aber auch so manches Klischee.

Hamburg.  „Lustig ist die Alpenzeit! Traurig ist der Winter. Hat der Vordere wenig Schneid ist der andere gleich dahinter.“ Ein Südtiroler Sprichwort aus dem 19. Jahrhundert flankiert einen Film aus dem Jahr 1992. Darauf zu sehen: Männer und Frauen beim Spuren im schönsten flockigen Tiefschnee, die Gesichter braun gebrannt, fröhlich. Es ist ja auch Urlaub. Gleich möchte man sich auch die Skier unterschnallen und abfahren. Was für eine Gaudi!

Hamburg und Tirol, das sind fast 1000 Kilometer Entfernung, das sind Gegensätze aus Metropole und dörflich geprägter Berglandschaft. Und genau darin mag auch die Faszination liegen: Angezogen von einer scheinbar unberührten archaischen Natur und der Idylle in den Bergdörfern pilgerten viele Hamburgerinnen und Hamburger seit den 1950er-Jahren zu vorderst in Tiroler Skiorte, erst zur Sommerfrische, später dann auch in den so getauften „Hamburger Skiferien“ im März, um ihre alpine Sehnsucht zu stillen.

Ausstellung Hamburg zeigt Dokumente der „Alpenfreundschaft“

Dabei nutzten sie das eigens dafür ausgebaute Eisenbahnnetz und die zunehmende touristische Infrastruktur. Bis heute ist die Hamburger Sektion des Deutschen Alpenvereins die fünftgrößte im deutschlandweiten Verband. Eine gerade eröffnete Sonderausstellung im MARKK, die in Kooperation mit dem Deutschen Alpenverein entstanden ist, zeigt Objekte und Dokumente, die von dieser ganz besonderen „Alpenfreundschaft“ zeugen.

Da wäre zum Beispiel der Hamburger Ulf Deutsch, Pionier der ersten Stunde sozusagen. Er erzählt, dass man mit den Märzferien nie etwas anfangen konnte und so zum Skilaufen gekommen sei. „Mit dem Alpenvereinszug starteten wir abends um acht Uhr Richtung München, da hatten wir genügend Zeit, um eine Weißwurst zu essen. Von dort ging es weiter nach Innsbruck und dann mit Bussen zu den Hütten des Deutschen Alpenvereins. Manchmal aber auch per Jeep, den wir anschieben mussten. Das war schon beschwerlich. Wir hatten nie viel Geld. Und dort konnten wir für 2,80 Mark pro Nacht auf einem Matratzenlager schlafen, das war ein tolles familiäres Unternehmen!“

Beleuchtet werden volkstümliche Bräuche wie die Trachtentradition

Heute gibt es Direktverbindungen mit der Bahn von Hamburg nach Tirol, und ein so günstiges (und vermutlich wenig komfortables) Matratzenlager ist heuer auch nicht mehr vorstellbar. Doch die Lust auf Berge ist ungebrochen. Das konnte man deutlich spüren im ersten Corona-Frühling 2020, als Reiserückkehrer das Virus massenhaft aus Ischgl und Co. mitbrachten.

Um diesen mehrdeutigen Hotspot geht es in der Ausstellung, dabei wird die Herkunftsregion abseits der von Tourismusverbänden evozierten Klischees beleuchtet, werden volkstümliche Bräuche wie das Maskieren zu Feiertagen, die Trachtentradition und das oftmals beschwerliche Leben in den Bergen dargestellt.

Barbara Plankensteiner kommt aus Südtirol

Dass MARKK-Direktorin Barbara Plankensteiner aus Südtirol stammt, hat auch eine Rolle gespielt. Außerdem habe man die zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Museum entstandene Europa-Sammlung verstärkt in den Fokus rücken und die vielen darin befindlichen Tirol-Objekte – Wanderstöcke, Schmuckkästchen für Eheleute, wertvolle Masken, Votive, historische Fotografien und Werbeprospekte – zeigen wollen.

„Alte Geschichten neu und neue Geschichten erzählen, die ebenso wie über Tirol auch viel über Hamburg erfahren lassen“, nennt es Kuratorin Anna-Sophie Laug.

Eine Installation aus zig Postkarten mit Grüßen aus Tirol ist zu sehen

Ergänzt werden diese Exponate durch persönliche Souvenirs vieler Hamburgerinnen und Hamburger, die einem Aufruf des Museums folgten und ihre Erinnerungsstücke an die Rothenbaumchaussee brachten. Da gibt es abgelaufene Fahrkarten und ein Dokument über das Pitztaler Bergsteigerabzeichen, eine Serviette aus dem „Alpengasthof Eng“ am Ahornboden, und sogar ein hölzerner Kleiderbügel mit der Aufschrift „Tirol – Ich hänge so an Dir!“ ist darunter.

Neben dieser Vitrine im Glaskasten, der vom Team „Aquarium“ genannt wird, ist eine Installation aus zig verschickten Postkarten mit Grüßen aus Tirol zu sehen; die Karten sind Leihgaben aus dem Altonaer Museum.

Die ökologische Belastung der Region rückt immer mehr ins Bewusstsein

Doch auch wer sich eine Reise in die Berge nicht leisten konnte, wurde befriedigt, wenn es um die Sehnsucht nach Bergidyll und uriger Tiroler Gemütlichkeit ging. Um 1900 gab es an der Glacischaussee ein riesiges Fahrgeschäft mit Achterbahn, Grottenfahrt, Drahtseilbahn, Bewirtung und Musik mit dem Namen „Bergfahrt in Tirol“. Dabei passierten die Gäste den Achensee, das untere Zillertal, den Schwarzsteingrund mit der Zillertaler Hochgebirgskette, die Schaubachhütte sowie ein Salzbergwerk mit unterirdischem See. Am Lunapark in Altona gab es einen weiteren alpinen Vergnügungspark dieser Art.

Aus heutiger Perspektive wird diese „Alpenfreundschaft“ unter anderen, eher kritischen Aspekten betrachtet, wirken die Assoziationen doch tendenziell verkitscht und romantisiert und mit wenig Bezug zu den Menschen und ihrem Alltag. Und auch die ökologische Belastung der Skiregionen rückt immer mehr ins Bewusstsein, was sich auch in der Ausstellung niederschlägt.

Ausstellung Hamburg: Auch Niedermayr ist vertreten

Am Ende des Parcours ist der Südtiroler Künstler Walter Niedermayr mit seiner fotografischen Arbeit „Vedretta Piana 2“ aus dem Jahr 1997 vertreten. Darin zeigt er die Berglandschaft als Kulturlandschaft, die entgegen den Vorstellungen von unberührter und ursprünglicher Natur aufwendig für die Bedürfnisse des Tourismus bearbeitet werden muss, was Abholzung und Erosion zur Folge hat.

„Hamburg und Tirol – eine Alpenfreundschaft?“ – so gesehen ist das Fragezeichen im Titel völlig berechtigt.

„Hamburg und Tirol – eine Alpenfreundschaft?“ bis Ende 2023, MARKK (U Hallerstraße), Rothenbaumchaussee 64, Di–So 10.00–18.00, Do 10.00–21.00, Eintritt 8,50/4,50 (erm.), www.markk-hamburg.de