Ausstellung

Besser streiten lernen im Museum der Arbeit

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Demonstranten und Polizisten treffen bei der Hausbesetzung in der Hamburger Hafenstraße 1989 aufeinander.

Demonstranten und Polizisten treffen bei der Hausbesetzung in der Hamburger Hafenstraße 1989 aufeinander.

Foto: Mike Schröder / argus

Von Ehezwist bis Bürgerprotest – eine Ausstellung zeigt, wie wir mit Konflikten umgehen und sogar daraus lernen können.

hamburg. Es ist das beste Ausstellungsplakat dieses Jahres: Eine Frau und ein Mann sind mit einem Paddelboot auf einem Gewässer unterwegs. Eigentlich strahlt die Szene pure Harmonie aus, doch auf den zweiten Blick ist zu erkennen: Sie will nach rechts rudern, er nach links. „Durch das Aufeinanderprallen widerstreitender Auffassungen, Interessen o. Ä. entstandene schwierige Situation, die zum Zerwürfnis führen kann“, so die Duden-Definition des Wortes „Konflikt“. Um den geht es in einer unbestreitbar gut gelungenen Ausstellung im Museum der Arbeit, womit eine Reihe gesellschaftlich relevanter Themen fortgeführt wird, die mit „Kapital“ und „Out of Office“ begonnen wurde.

Konflikte gehören zum Leben dazu, sie sind aus keinem Bereich wegzudenken: Kinder streiten sich mit ihren Eltern um Süßigkeiten und Medienkonsum, Nachbarn über die Höhe der zu schneidenden Hecke, Hunde um den dicksten Knochen. Im Büro gibt es immer mal wieder „dicke Luft“, ganz zu schweigen von Tarifstreitigkeiten, die nicht selten in Protest und Streik enden. Und das ist auch gut so. Denn wer will schon in Dauerharmonie vor sich hindümpeln? Harmonie, so die Theorie von Konfliktforschern, führe vor allem dazu, Menschen auszugrenzen.

Aus Konflikten um Hafenstraße und Park Fiction lernen

Wer sich dagegen in einen Konflikt begibt, der will’s wissen, will seine Meinung kundtun, seine Interessen vertreten, bestenfalls gesellschaftliche Missstände anprangern, die Welt verändern – im Großen wie im Kleinen. Mit den Worten des Aphoristikers Helmut Glaßl gesprochen: „Konflikte sind die Mutter der Entwicklung.“ Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern wurde erstritten, die Häuser der Hafenstraße besetzt, um sie vor dem Abriss zu schützen, Park Fiction durch eine Anwohner-Initiative zum beliebtesten Park St. Paulis und nicht zur Riesen-Tchibo-Filiale.

Bürgerkriege und internationale Krisen, Impf-Diskussion und Empörungskultur, Klimawandel-Leugner und Fridays for Future-Bewegung – noch nie wurde so viel gestritten wie heute, so Direktorin Rita Müller zur „gefühlten“ Wahrnehmung, die auch damit zusammenhängt, dass wir durch Internet und soziale Medien Konflikte rund um den Erdball mitbekommen. Kurator Mario Bäumer zeigt kaleidoskopartig das weite Feld der Konflikte: private, innere, äußere, gesellschaftliche sowie Konflikte im Arbeitsleben. Anhand von Gemälden, Filmen und historischen Fotografien wird aufgezeigt, wie die Gesellschaft mit vorangegangenen Konflikten umgegangen ist und wie wir daraus lernen können. Konflikt als Chance, sozusagen.

Es gibt verschiedene Konflikttypen vom Hai bis zum Teddybär

Dabei setzt das Museum in Barmbek ganz klar auf Interaktivität: So können Besucherinnen und Besucher an einem Modell herausfinden, welcher Konflikttyp sie sind (Hai, Schildkröte oder Teddybär?), sich an einem Ranking mit Gartenzwergen zum wohl häufigsten Streitgrund unter Nachbarn beteiligen oder an einer Regalwand mit obskurster Ratgeberliteratur zum Thema Beziehungskrisen amüsieren.

In kleinen Dioramen werden Schlichtungsszenarien wie Therapie, Mediation oder Coaching dargestellt, die Schauspielerin Marie Schöneburg schlüpft per Video in verschiedene konfliktträchtige Rollen: mal in die der Aktivistin, mal in die der maßregelnden Matriarchin bei Tisch. Am Ende darf das Publikum per Münzeinwurf entscheiden, wie es künftig mit Konflikten umgehen will: lieber aus dem Weg gehen oder sich daran beteiligen?

In einem Punkt herrschte übrigens wohltuende Einigkeit. Der digitale Konfliktmonitor, der mitten in der Pandemie startete, fragte unter anderem, ob Kultur lebenswichtig sei. 85 Prozent der Teilnehmenden antworteten klar mit „Ja!“.

„Konflikte“ 3.11. 2021-8.5.2022, Museum der Arbeit (U/S Barmbek), Wiesendamm 3, Mo 10.00-21.00, Mi-Fr 10.00-17.00, Sa/So 10.00-18.00, Eintritt 8,50 Euro/5,- (erm.)