Ausstellung in Hamburg

Keine Grenzen mehr: Die große Freiheit der Malerei

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Margarita Holle im „Salon der Gegenwart“: Im frisch sanierten Springer Quartier zeigt sie einen Querschnitt der Malerei heute.

Margarita Holle im „Salon der Gegenwart“: Im frisch sanierten Springer Quartier zeigt sie einen Querschnitt der Malerei heute.

Foto: Thorsten Ahlf / THORSTEN AHLF / FUNKE FOTO SERVICES

Der elfte „Salon der Gegenwart“ lädt im Springer Quartier zur Newcomer-Schau der zeitgenössischen Kunst. Über die Werke.

Hamburg. Ein großformatiges Bild, auf dem es lichterloh zu brennen scheint, mittendrin zwei Kinder. Doch auf den zweiten Blick Entspannung: Es ist eine sommerliche Szene, und die Kinder turnen auf einem Baumhaus herum. Anna Charlotte Frevel ist die Produzentin von „Transmission“, ihre Effekte erzielt sie mit Glasmalfarben auf MDF-Platten. Die junge Künstlerin ist gleich mit mehreren Werken aus Münster nach Hamburg gereist, an allen kann man sich satt sehen.

Und dann, an der Wand gegenüber, offenbart sich eine ganz andere Welt, die Zwischenwelt der unbeachteten Räume: Simon Schubert hat ein Treppenhaus mit Graphit, Wattestäbchen und Wattebäuschen so inszeniert, dass es wie eine Fotografie wirkt, die Perspektive indes ist surreal. Tobias Marings grafische Arbeit aus Leinen und Baumwolle besticht wiederum durch formale Strenge, ohne Gefahr zu laufen, bloß dekorativ oder gar langweilig zu sein.

Ausstellung: Malerei heute kennt keine Grenzen

Die Gegensätze, sie ziehen sich förmlich an in den nüchternen, vom grauen Waschbeton dominierten Räumlichkeiten im frisch sanierten Springer Quartier. Einen „Querschnitt der Malerei heute“, so charakterisiert Initiatorin Margarita Holle das Anliegen des „Salons der Gegenwart“. Zum elften Mal zeigt sie am Wochenende zusammen mit ihrem Mann, dem Unternehmer Christian Holle, aufstrebende, vielversprechende Künstlerinnen und Künstler aus ganz Deutschland mit aktuellen Arbeiten.

Noch nie sei die europäische Kunst so frei gewesen wie jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts, inhaltlich wie formal. Und so verwundert es auch nicht, konstatiert die Kunstwissenschaftlerin Teresa Bischoff, dass diese Freiheit im besten Sinne genutzt wird, „um eine zeitgenössische Malerei zu schaffen, deren Grundprinzip und Erkennungsmerkmal eine faszinierend heterogene Vielfalt ist“. Sie darf abstrakt sein, aber auch gegenständlich (oder beides), flächig oder raumgreifend, lautschreiend vor Farben oder zurückgenommen sachlich; sie kommt mal klassisch gerahmt daher, um dann wiederum den Rahmen zu sprengen.

Im Salon spiegelt sich wilde Materialverwendung wider

Ebenso wird der Materialverwendung keine Grenze gesetzt: Es wird mit Keramik auf handgefertigten Fliesen gearbeitet (wunderschön anzusehen bei der Künstlerin Stephanie Jacobs) oder – im Fall von Janosch Dannemann – mit einfachen Farbstiften auf Papier gemalt, sodass ein bühnenartiger Raum entsteht. Olga Jacob hat einen Untergrund aus Flyern geschaffen und darauf ein Netz aus Polyester gespannt, das an einigen Stellen zerlöchert ist („Study in Black“).

Linus Rauch arbeitet in seinen Bildern mit mehreren Schichten aus Nylon und gefundenen Stoffen, die er mit Ruß und Dispersion bearbeitet („nel tragitto“). All dies spiegelt sich in den 33 Positionen des Salons wieder. Übrigens allesamt Premieren: Der „Salon der Gegenwart“ zeigt Künstlerinnen und Künstler stets nur ein einziges Mal.

Newcomer treffen auf Büttner und Baselitz

Die Vorbereitungen für eine derartige Präsentation sind immens: Kreative werden in ihren Ateliers besucht, Vorgespräche mit Galeristen geführt, Werke ausgewählt, die Texte dazu hinter QR-Codes gelegt, Kataloge gedruckt. Allein die üblichen Rundgänge der Abschlussklassen an den Kunstakademien fehlten in diesem Jahr: „Durch Corona konnten nur sehr wenige Studierende ihren Abschluss machen, somit entfiel auch die für Künstlerinnen und Künstler so wichtige Abschlusspräsentation“, sagt Margarita Holle.

Umso mehr freue sie sich, den jungen Talenten nun eine Bühne zu bieten, die mittlerweile für Sammler und Galeristen ein interessanter Anlaufpunkt ist. Im vergangenen Jahr konnten fast alle am Salon Beteiligten Werke direkt vor Ort verkaufen. Dabei ist die Kombination aus vielen Newcomern und vereinzelten etablierten Künstlerinnen und Künstlern spannend: So sind Leiko Ikemura, Werner Büttner und Georg Baselitz mit je einem Bild vertreten.

Ausstellung: Besucher können viel entdecken

Trotz der pandemiebedingten Verknappung konnten die Veranstalter aus über 600 Portfolios wählen. Und Margarita Holle stieß bei der Hängung an ihre Grenzen. Kurzum entschloss sie sich, im ersten Raum alle Ausstellenden mit je nur einem Werk zu zeigen; in einem zweiten Raum können sich Besucherinnen und Besucher „Nachschlag“ holen und weitere Bilder entdecken, so zum Beispiel das Leuchtkasten-Bild des Hamburger Künstlerduos Moses & Taps oder die Serie des Hamburger Künstlers Stephan Hohenthanner, der in Acryl auf Holz unter anderem den Terroranschlag mit einem Lastwagen in Nizza verarbeitete.

Lediglich von Alina Grasmann wird man außer dem großformatigen Ölgemälde „Night face up“ aus der Serie „Florida Räume“ nichts weiter finden; die Künstlerin hatte einfach kein weiteres Bild im Repertoire – alle verkauft. Fernziel erreicht.

„Salon der Gegenwart“, 29.–31.10., Springer Quartier (U Gänsemarkt), Fuhlentwiete 3, Fr ab 15.00, Sa/So 11.00–17.00, Eintritt frei, stündliche Führungen, www.salondergegenwart.de