Literatur

„Kleine Paläste“: Ein Schauerstück aus der Provinz

| Lesedauer: 6 Minuten
Andreas Moster, Jahrgang 1975, lebt in Hamburg und ist heute zu Gast im Literaturhaus.

Andreas Moster, Jahrgang 1975, lebt in Hamburg und ist heute zu Gast im Literaturhaus.

Foto: Teja Sauer

Heute stellt der in Hamburg lebende Schriftsteller Andreas Moster den Roman „Kleine Paläste“ im Literaturhaus vor.

Hamburg. In diesem wuchtigen, jeglichen Glauben ans Kleinstadtidyll erschütternden Roman geht es erst einmal ums Heimkommen. Das verstärkt im Übrigen die negativen Schwingungen auch gleich mal: Hanno hat sich knapp drei Jahrzehnte nicht daheim blicken lassen. Daheim. Nicht „zu Hause“, wie man in der Stadt sagt, aus der er, der Unstete, zufällig anreist – in Hamburg. Er ist zurück im Südwesten des Landes. Seine Mutter ist gestorben, es ließ sich nicht vermeiden.

Und dann ist Sylvia Holtz beerdigt. Aber Carl Holtz lebt noch. Oder er tut das, was man halt gerade noch so leben nennt: Macht seine Windel voll, braucht morgens zwei Schnäpse, damit das Zittern aufhört. Hanno, der einst nach einem gewalttätigen Übergriff des Vaters die Flucht ergriff, fühlt sich nun verpflichtet, die Pflege des dementen Vaters zu übernehmen.

Eine ziemlich elendige Aufgabe: Einen Mann, den man aus guten Gründen 30 Jahre nicht sah, den Hintern abwischen zu müssen. Sein Glück ist Susanne Dreyer von nebenan. Sie nimmt sich des alten Mannes an. Das ist die Grundaufstellung in Andreas Mosters Roman „Kleine Paläste“. Sein Leben vergessender Alter, seinem Zuhause entfremdeter Mittvierziger, geheimnisvolle Nachbarin.

Der Erzähler behält die Fäden stets souverän in der Hand

Denn was sollte nicht rätselhaft an ihr sein? Susanne ist das Komplementärstück zu Hanno. Sie hat den Ort ihrer Herkunft nie verlassen. Sie hat nicht Erlösung durch Abstand gesucht, im Gegenteil: Susanne beobachtete all die Jahre das Geschehen im Haus nebenan mit dem Fernrohr. Sie kennt jede Bewegung, die Carl tut. Warum das so ist, warum sie mit diesem Mann, der das dunkle Zentrum dieses dunklen Romans ist, auf ungesunde Weise verbunden ist, davon erzählt der 1975 in der Pfalz geborene und in Hamburg lebende Schriftsteller Andreas Moster in „Kleine Paläste“.

Er tut es, indem er der Erzählgegenwart des Jahres 2018, in der sich Hanno und Susanne auf spröde Weise einander annähern, während der Alte irgendwie durch den Tag gebracht wird, ein schicksalsträchtiges 1986 gegenüberstellt. Er schaltet als Erzähler, der die Fäden stets souverän in der Hand behält, mehrere Male zurück in dieses Jahr, in dem sich die weiteren Lebensläufe mehrerer Menschen entschieden.

Andreas Moster schlägt einen langsamen Beat an

Entschieden wurde damals, als Carl Holtz, der angesehene Anwalt, und seine Frau Sylvia die Renovierung ihres Hauses mit Nachbarn und Freunden feierten, auch, dass Hanno und Susanne Jahrzehnte später nicht wirklich zueinander finden können. Als Teenager tauschten sie beim Gartenfest scheue Küsse, aber Susanne war, als sie nachts nach Hause ging, aus anderen Gründen nicht mehr die, die sie vorher war. Und ihr Vater wiederum war nicht allzu lange später tot. Nach Selbstertränkung im Forellenzuchtbecken.

Das ist der Horror des kleinen Ortes: Familiäre Dramen vergiften den Boden, auf dem sie sich abspielen. Und ist der Boden erst einmal kontaminiert, gedeiht auf ihm nichts Gutes mehr. Andreas Moster, der sich nicht im sprachlichen Detail verliert und dennoch einen langsamen Beat anschlägt, gelingt es vorzüglich, die Dysfunktionalität seiner beiden Protagonisten in Szene zu setzen. Sie führen beschädigte Leben. Weil die Elterngeneration fundamental versagt hat, als es um den Schutz der eigenen Kinder ging. Und weil es den Mann als Brunftwesen gibt; das Tier, das getrieben vom Verlangen keinerlei Grenzen kennt.

Konsequentes Präsens

„Kleine Paläste“ spielt sich, durch das konsequente Präsens wird dies verstärkt, in einem immens klaustropho­bischen Setting ab. Der Roman lebt von seiner Atmosphäre, gerade deswegen, weil man in dem Haus, in dem er größtenteils spielt, geradezu zu ersticken droht. Allerdings gibt es eine Unwucht, die sich im Fortgang der Handlung immer deutlicher zeigt.

Hanno, der sich so lange entzog, bleibt eine leere Hülle, deren Antriebe man wohl versteht; da er aber ahnungslos bleibt, was die unheilvolle Beziehung von Carl und Susanne angeht, entgeht ihm der volle Geschmack der bitteren Herkunftswurzel. Damit ist er für den Augenblick von der Schande der Herkunft verschont, man würde ihm eine neue gesunde Wut auf den Erzeuger aber durchaus gönnen. So rückt er allmählich in den Hintergrund der Handlung.

Surreale Ebene ist ein netter Spin

An Susanne, die in sich selbst isolierte einstige Erleiderin, wird, was den Erzählaufwand angeht, deutlich größer herangezoomt. Sie ist die wesentlich interessantere Figur, eine Frau, die, so glaubt man zu wissen, doch das größte Paradox an den Tag legt, das man sich denken kann. Wenn eine gleich auf Nimmerwiedersehen hätte verschwinden müssen, dann doch sie.

Dass Moster seinem Schauerstück aus der Provinz eine surreale Ebene gibt, ist ein netter Spin, dessen es nicht unbedingt bedurft hätte: Aus dem Off, der Jenseitswelt der Toten, spricht Sylvia, Hannos Mutter und Carls Ehefrau, zum Lesenden. Sie ist die, die schon früher wusste, dass alles Murks ist hinter den unverrückbar aufgebauten Mauern der gefälschten Wohlanständigkeit, und nun das Geschehen aus dem immerwährenden Abseits kommentiert.

Andreas Moster liest heute, Mi 18.8., 19.30 Uhr, im Literaturhaus. Moderation: Isabel Bogdan, Saalkarten (12/erm. 8 Euro) oder Streamingticket (5 Euro) unter www.literaturhaus-hamburg.de